Royer [Rouyer], Franz Freiherr von

Royer [Rouyer], Franz Freiherr von; Generalwachtmeister [ – 24.3.1671] Royer,[1] ein „Lützelburger (welcher ein verständiger, liebereicher und vieler Sprachen wohlkundiger Mann gewest)“,[2] so der Weidener[3] Chronist Schabner, [4]war 1637 noch kurbayerischer Hauptmann unter Joachim Christian von Wahl gewesen. Am 1.1.1641 führte er, nunmehr Obristleutnant, 600 Mann des Fußregiments Gold von Lamolding und 36 Beritte des Regiments Druckmüller nach Weiden.[5] Das Regiment Gold blieb bis zum 26.4.1641 in der Stadt liegen.[6]

1643 war er Obrist und nahm an der Schlacht bei Tuttlingen[7] [24.11.1643] teil. Er kommandierte nach der Schlacht die bayerische Besatzung in Rottweil.[8]

In einer zeitgenössischen württembergischen Chronik wird er unter 1645 als Kommandant zu Heilbronn[9] und „tapferer Cavalier oder Soldat“ bezeichnet;[10] er kommandierte 684 Mann.[11]

In der „Begründten Summarischen Relation“[12] über die Schlacht bei Alerheim[13] am 3.8.1645 heißt es: „Nachdeme eingangs ermelte zwo widrige Armaden den 3. Augusti Anno 1645. fast zugleich im Rieß eingetroffen / seynd sie noch darüber selbigen Tags bey dem Dorff Allershaimb zur Hauptaction kommen / die Bayrische haben ermeltes Dorff Allershaimb zu ihrem Vortel gehabt / vnnd anfangs mit ihren Stucken den Französischen vil schaden gethon / Nach welchem die Französische ihr maiste sforza von der Infanteria auff besagtes Dorff Allershaimb / welches von den Bayrischen auch mit Fueßvolck starck besetzt gewest / angeführt / da dann zwischen beederseits Infanteria vber zwey Stund lang ein hartes treffen geschehen / warunder die Französische das Dorff in Brandt gesteckt / die Bayrische aber vngeacht dessen / vnnd daß sie auff einer Seyten / wie auch thails im Rucken das Fewr: auff der andern Seyten / vnd vor sich die Französische zum Feind gehabt / ihren Posto in solchem Dorff ein als den andern weeg manutenirt, vnnd eines thails durch dapfferes antreiben deß Bayrischen Feldmarschalln Freyherrn von Mercy / wie auch deß Kayerischen Feldtmarschalln Graffen von Geleen / welcher den Feldmarschall von Mercy secundirt, andern thails durch anführung deß Bayrischen General Zeugmaisters Freyherrn von Ruischenberg [Reuschenberg; BW] den Französischen mit continuierlichen Mußquetaten ernstlich begegnet / daß also die Französische endtlich von dem Bayrischen / wie auch Gelenischen im Dorff fechtenden Fueßvolck / vnnd etlichen Esquadronen Reutern / mit grossem ihrem der Französischen verlurst zuruck geschlagen: aber darüber der FeldtMarschall Freyherr von Mercy / welcher das Volck Ritterlich vnnd eyferig angeführt / Todt geschossen worden / vnnd wiewol hinnach / als beederseyts Caualleria zum treffen kommen / vnd der Feldmarschall Graf von Geleen bey solchem Reutertreffen gefangen in der Französischen gwalt kommen / sie die Französische mit maistenthails Infanteria, vnnd thails Reuterey auffs new in besagtem Dorff Allershaimb angesetzt / seynd sie doch durch den General Zeugmaister von Ruischenberg / welcher ihnen mit dem Bayrischen Fueßvolck vnnd etlich dabey gestandenen Esquadronen Reutern testa gemacht / mit ihrem der Französischen grossen verlurst nochmaln zuruck geschlagen worden.

Das Reutertreffen aber ist inzwischen mit vngleichem success abgeloffen / dann auff der Bayrischen vnnd Geleenischen seyten / ist der rechte Flügel von dem Französischen lincken in die Confusion gebracht / vnd der Feldmarschall Graf von Geleen / wie gemelt / gefangen worden / hingegen aber hat der Bayrischen lincker Flügel / deme der General von der Reuterey Johann Freyherr von Wörth [Werth; BW] commandirt, den Französischen rechten Flügel völlig in die Flucht geschlagen / zugleich das noch restierende Französische Fueßvolck in Confusion gebracht / vnnd darunder vil schaden gethon / Also daß die Französische Armada ausser ihres lincken Flügels in völliger Flucht vnnd Confusion: Von den Bayrischen aber / noch der lincke Flügel / sambt der ganzen Infanteria in Ordnung: auch es an deme gewest / daß der Französischen Armada lincker Flügel ebenmessig geschlagen / vnd dardurch selbige Armada sambt ihren conjungirten were ruiniert worden / wann es nicht die zu bald eingefallene Nacht verhindert hette / welche den Französischen zeit vnnd lufft geben / daß sie in der Nacht die zersträten guten thails wider versamblen könden. Seynd derowegen die Bayrische selbige Nacht auff der Wahlstatt stehn bliben / solches den Französischen sowol durch loßbrennung ihrer der Bayrischen selbst / als thails der Französischen eroberten Stucken zuuerstehn geben / zugleich ihre Wachten den Französischen vnder die Augen gestelt. Demnach sich aber in solcher Nacht die maiste Bayrische Artigleriaknecht mit den Pferdten verritten / thails in dem beym Tag vorgegangnem treffen / sonderlich / was bey ihrem rechten Reuterflügel gestanden / Todt geschossen worden / vnnd welches das vornembste geweßt / ihnen den Bayrischen wenig Monition vbergebliben / weil sie in besagtem Treffen ein vnglaubliches verschossen / thails Monition aber / welche bey erst besagtem ihrem rechten Reuterflügel geweßt / in selbiger Confusion verlohren gangen / haben sie die Bayrische sich resoluirt, den darauff gefolgten 4. Augusti auff Thonawörth[14] zugehen / damit sie allda die nothwendige Monition vnnd andere requisiten an sich ziehen könden / allermassen solches in guter ordre in Bataglia geschehen / vnnd sie 14. Stuck / darunder 3. eroberte Französische geweßt / mit sich genommen / die vbrige Französische Artigleria vnnd Stuck / welche sie mehrern thail erobert gehabt / wie auch thails der ihrigen selbst / haben sie auß angeregter vrsach der verrittenen Artigleria Pferdt nicht alle bespannen bespannen / sonder stehn lassen müssen / die Französische Armada ist / nach deme sie sich möglichist colligirt, gegen der S[t]att Nördlingen[15] gangen / welche Statt vnderm Prætext einer angenom̃enen neutralitet ihnen mit aufnem̃- vnd Curirung der häuffigen geschädigten / (die sonst der Französischen Officier selbst bekennen nach mehrenthail crepirn, vnd zugrund gehen müssen) hergebung Proviant / vnnd in ander weg alle assistentz gethan / auch der Französischen Armada zugelassen / daß sie vnder ihrem Canon logiren könden / ausser dessen / vnd wann die Statt Nördling sich nit so vnzeitig accomodirt, hette die Französische damaln von dem fürgangnen treffen vbel zugerichte Armada sich nechster Tagen mehren thails consumirn müssen / vnd den Bayrischen / welche sich zu Thonauwörth mit Monition versehen / vnnd in etlich Tagen wider ganz außgerüst / in mainung vnnd deß verlangens vnverlengt wider auff die Französische Armada zugehen / weiter nit resistirn könden.

Bey disem vorgangen scharpffen Haupttreffen / ist der französischen Armada Fußvolck mehrernthails zugrund gangen / vnd nidergehaut worden / vnnd würdet die zahl der Todten ihrer seyts wenigst auff 6000. Mann geschetzt / ohne ihre habende häufftige geschädigte / darvon noch täglich vil sterben / in specie seynd vnder der Französischen Armada Todten / sovil man dermal in gewise erfahrung brongen könden / von der Französischen Nation zween Feldmarschall / darunder der Marquis de Borri, zween General Maior, Item der Marquis de Pisani, deß Duca di Anguien [d’Enghien; BW] assistentz Rath / Gubernator de Chatteleu [Castelnau; BW], mehrernthails Obriste deß Französischen Fußvolcks / auch thails von der Französischen Reuterey / vnnd gar vil Obriste Leutenant / Obrist Wachtmaister / Rittmaister / Haubtleut / vnd dergleichen Officier, Insonderheit ist vnder den Französischen Auenturirn, wie man nachricht hat / eine nit geringe anzahl / vnd darunder vil vornemme Leut / Todt gebliben / so ist auch von den Weinmarischen vnd Hessischen Todt / der General Maior Graf von Witgenstein [Sayn-Wittgenstein; BW] / Obrist Truchseß [v. Wetzhausen; BW] / Obrist Schwerdt [Sweerts; BW] / Obrist Fabri, Obrist Leutenant Saurzapff [Sauerzapf; BW] / Obrist Leutenant Hailmann / vnd mehr andere Obrist Leutenant / Obrist Wachtmaister / Rittmaister / vnd Haubtleut. Vil hohe Officier, vnder den Französischen / Weinmarischen / vnd Hessischen seynd geschädigt worden / darunder General Marzin [Marsin; BW], Feldmarschall Marchese de Castel nouo [Castelnau; BW], General Maior Lamossè [L’Amoussay; BW], Obrist Lamperti, Obrist vnd General Commissarius Trasi [Tracy; BW], Obrist Fleckenstain [Friedrich Wolfgang v. Fleckenstein; BW] / etliche Obrist Leutenant / vnd vil andere Officier. In gleichem seynd der gefangenen hohen Officirer, nit wenig / darunder der vornembst ist der Französisch General Leutenant vnd Mareschal de France Monsieur Grandmont [Gramont; BW]. An der Bagagi hat die Französische Armada auch vil schaden gelitten deren thails von den Bayrischen erobert / thails von dem Französischen Volck selbst geplündert worden. Auff Seyten der Bayrischen Armada vnnd deß Geleenischen succurs seynd bey 1000. Mann todt gebliben / vnd verlohren gangen / darunder das Royerische Regiment zu Fueß / welches den Posto auff einem Berg negst dem Bayrischen rechten Flügel gehabt / von den Franzosen vnder wehrender Schlacht mit grossem gwalt attacquirt, vnd nach dapfferm widerstand mehrern thails nidergehaut: Von dem Gilli de Hasischen [Haes; BW] Regiment aber in die 300. Mann auff einem Kirchhoff / allda sie sich wol gewört / vbergwältigt : vnd mehrern thail gefangen worden / Von ermelter Bayrischen Armada vnnd dem Geleenischen succurs, hat von hohen Officiern, so todt gebliben wäre / ausser etlichen Rittmaister / Hauptleut / vnd dergleichen Officier fast niemand das Vnglück getroffen / als wie hiebevor angedeut / den Feldmarschall Freyherr von Mercy / welcher bald anfangs im Dorf Allershaim todt gebliben. So ist auff ihrer Seyten gefangen worden / von dem Geleenischen Succurs / als der Herzog [Philipp Ludwig; BW] von Holstain / vnd Obrist Hillen [Hiller; BW] / von den Bayrischen / der Obrist Royer / Obrist Coob [Christoph Cobb; BW] / vnd Obrist Stahl [Johann v. Stahl; BW] / der Royerische Obrist Leutenant Geißler / der Geylingische [Gayling; BW] Obrist Wachtmaister Fabri, etliche Rittmaister vnd Hauptleut. An Fendlen vnnd Corneten hat die Französisch Armada / sambt deren coniungirten in die 70. die Bayrische aber in allem 15. darunder 8. Fändel vnnd 7. Cornet verlohren. Dises ist nun der Hauptsächlich vnpartheyische Verlauff / solchen fürgangnen Treffens / der Allmächtig verleyhe anstatt dergleichen Christlichen Blutvergiessens / nunmehr einest den lieben Friden“.

Nach der Schlacht, in der er in Gefangenschaft geraten war,[16] lagen Teile seines Regiments in Lauingen[17] (Herzogtum Neuburg).[18]

Royer verteidigte 1646 Augsburg[19] gegen die schwedisch-französischen Konföderierten.

„In der ersten Septemberhälfte hatten die feindlichen Armeen die Donau erreicht, Donauwörth,[20] Rain am Lech[21] waren gefallen. Gerade noch erreichte ein Trupp bayerischer Kavallerie das nun bedrohte Augsburg, am 26. September brach der bayerische Obrist Rouyer durch die feindlichen Linien, um die Besatzung zu verstärken. Er übernahm das Kommando in der Reichsstadt.

Für die Besetzung der Wälle wurde jeder verfügbare Mann gebraucht. Wer sich zur Verteidigung der Stadt bereit fand, sollte zwanzig Kreuzer Sold am Tag erhalten. Unter dieser Bürgerwehr fanden sich bald auch Protestanten. Es ging nun, mit allen Mitteln darum, den Feind vor den Toren zu halten. Der Feind: Das war nun der Krieg, waren nicht mehr katholische, protestantische, französische oder schwedische Armeen …

In den ersten Oktobertagen machten die Belagerer ernst. Kanonenkugeln pfiffen über die Wälle; sie trafen vor allem die Frauenvorstadt. Nasse Kuh- und Ochsenhäute wurden bereitgelegt, vom Perlachturm wehte die Brandfahne dorthin, wo die Türmer Rauch und Feuer wahrnahmen. Und nach Sonnenuntergang erleuchteten Laternen gespenstisch die Szenerie – ungewohnt für die Bürger, die bisher nur stockfinstere Nächte kannten.

In der Stadt stieg die Spannung. Die Beschießung strapazierte die Nerven: einmal drängten sich einige hundert Frauen mit ihren Kindern vor dem Haus des Stadtpflegers Rembold, weinten, schrien und forderten, den Jammer zu beenden. Eine weitere Demonstration «gemeiner weiber» und auch einiger vornehmer Frauen lösten Kürassiere mit der blanken Waffe auf.

Die Bürger sparten anscheinend nicht mit gegenseitigen Beschuldigungen. Die Lutherischen, so hieß es, hätten die «Schwöden» hergelockt; der Rat bat die Protestanten, an ihren Glaubensgenossen Wrangel eine Petition zu richten. Die aber entgegneten, schließlich liege noch eine französische Armee vor der Stadt, und auch die Schweden würden nicht gerade auf die Religion, sondern auf den «statum belli» sehen.

Wieder kam es zu Plünderungen, Bäckerläden wurden gestürmt: Ob der «pövel» nichts mehr zu essen hatte, oder ob man sich an die Erfahrungen der Belagerung von 1634/35 erinnerte und deshalb rechtzeitig die Vorratskammern zu füllen trachtete, verraten die Quellen nicht. Die Lage schien so ungewiß, daß der Rat zumindest erwogen haben dürfte, die Stadt zu übergeben.

Der Feind schien zudem entschlossen, Augsburg – sei es auch im Sturmangriff und unter Verlusten – in seinen Besitz zu bringen. Die Laufgräben waren bereits in den ersten Oktoberwochen dicht an die Stadtmauern vorgetrieben worden – die Wachen konnten sich mit den Musketieren der Belagerer unterhalten. Ein Spion hatte berichtet, daß er im Lager der Feinde «grosse quantität fewr kuglen, darunder theils 4 centner schwehr … gesehen, darmit man die statt zu ängstigen trohe.»

Am 11. Oktober, eine Stunde nach Mitternacht, war es soweit: Heftiges Artilleriefeuer, Kanonendonner und das Krachen der Petarden schienen einen Sturmangriff einzuleiten. Wer nur ein Gewehr halten konnte, half bei der Verteidigung der Reichsstadt. Protestantische Bürger standen neben einer Gruppe von Jesuitenschülern, die unter wehender schwarzer Fahne kämpften. Es bedürfte einer Palette mit kräftigen Farben, das Drama eines solchen Angriffs zu schildern: die im Finstern aufzuckenden Lichtblitze der Kanonen, die den weißen Pulverdampf beleuchteten; überall, wie Glühwürmchen, die glimmenden Lunten der Musketiere, der infernalische Lärm der Gewehre, der explodierenden Petarden, Schreie der Verwundeten, die Befehle der Offiziere – und hinter den Mauern die hektische Aktivität der Verteidiger, klappernde Hufe auf den Gassen, flackernde Fackeln und Pechpfannen, da und dort brennende Häuser, die man in der allgemeinen Verwirrung so gut es geht zu löschen sucht; dazwischen ein Trupp Soldaten mit schwarzen Harnischen und matt glänzenden Helmen, der zu einem bedrohten Mauerabschnitt marschiert …

Bis zum Morgen hatte sich die «furia» des Angriffs ausgetobt. Die Verteidiger behielten die Oberhand; weitere Versuche am nächsten Tag, die Stadt zu nehmen, blieben erfolglos. Der Mut der Eingeschlossenen mag durch das Wissen um das Näherrücken einer Entsatzarmee genährt worden sein – ein kaiserlich-bayerisches Heer, das unter Erzherzog Leopold Wilhelm und dem Reitergeneral Johann von Werth heranzog und gerade am Nachmittag des 12. Oktober am Ostufer des Lech Quartier machte. Einen Kanonenschuß davon entfernt stand die schwedisch-französische Belagerungstruppe, die Hauptarmee hatte sich westlich von Augsburg, bei dem Dorf Stadtbergen, verschanzt. Sollte sich das Schicksal der Reichsstadt in einer Schlacht unter ihren Mauern entscheiden ?

Es kam nicht dazu. Wrangel und Turenne brachen die Belagerung ab und zogen nach Norden fort. Das war am 13. Oktober 1646, an dem man in Augsburg das Fest des Bistumspatrons St. Simpert feierte“.[22]

Der schwedische Historiker Englund schreibt dazu: „Schwedische Reiterpatrouillen schwärmten zum Horizont aus, um auszukundschaften, was der Gegner vorhatte. Bald war klar, daß die Kaiserlichen sich mit beträchtlicher Schnelligkeit in Richtung Donau bewegten. Ihre erschöpften Soldaten marschierten Tag und Nacht, und um schneller voranzukommen, hatten sie einen Teil ihres Gepäcks zurückgelassen. Dragoner und Musketiere auf Troßpferden hasteten voraus. Aber die schwedischen und französischen Truppen waren doch als erste am Ziel. In der Nacht auf den 3. [13.] September stampften müde schwedische Batallione und Schwadronen über die rußgeschwärzte und in aller Hast reparierte Brücke über die Donau bei Donauwörth. Am Tag danach überquerten auch die Franzosen den Fluß. Die Donau, gewissermaßen Bayerns nördlichster Schutzwall, lag hinter ihnen. Nun war nur noch ihr Nebenfluß Lech, Bayerns Wallgraben im Westen, zu erreichen. Schweden und Franzosen benötigten hier am Rand Bayerns einen Stützpunkt, und Augsburg am Lech bot sich als erste Wahl an. Die Stadt war groß und reich, und ein bedeutender Teil ihrer Bürger war protestantisch; als Gustav Adolfs Heer 1632 Bayern besetzt hatte, waren den Schweden ohne einen Schuß die Tore der Stadt geöffnet worden. Wrangels geringe Erfahrung machte sich jedoch wieder einmal bemerkbar, und er war jetzt recht nervös. Er wagte nicht, direkt auf Augsburg zuzugehen, das gewissermaßen der Schlüssel zur Lechlinie war, ohne zuerst Rain bezwungen zu haben, das er für eine ungeheure Bedrohung im Rücken der Schweden hielt. Rain fiel auch nach gewaltigem Schießen und Graben von Schweden und Franzosen – der Kommandant der Stadt gab auf, da er sich auf seine Leute nicht mehr verlassen konnte – , doch da war über eine Woche vertan. Berittene kaiserliche Truppen waren unterdessen in Augsburg eingetroffen – dummerweise hatte Wrangel es unterlassen, die Stadt einzuschließen, um zu verhindern, daß die schwache Besatzung Verstärkung erhielt – , und die Stadt wollte nicht noch einmal die Seiten wechseln. Auch dies war ein Zeichen, daß der religiöse Gegensatz in diesem Krieg keine Rolle mehr spielte; jetzt waren andere Loyalitäten maßgeblich für die geläuterten Protestanten der Stadt.

Am 18 [28.] September wurde die Belagerung Augsburgs von drei Seiten her begonnen. Sie war schwer durchzuführen, denn das Terrain war ungünstig und von Wasserläufen durchzogen, und die Besatzung und die Bürger der Stadt setzten sich mit unerwarteter Vehemenz zur Wehr. In knapp zwei Wochen gelang es den Belagerern dennoch, mehrere Teile der Stadtmauer in Schutt und Trümmer zu verwandeln, während sie gleichzeitig ihre Laufgräben so nahe an die Stadt herangeführt hatten, daß sie von der groben Artillerie auf den Wällen nicht mehr beschossen werden konnten. Ein Sturm gegen das Klinker Tor auf der Westseite der Stadt und noch zwei weitere Versuche strandeten sämtlich in dem heftigen Abwehrfeuer. Am 30. September steckten schwedische und französische Truppen die kleine Stadt Friedberg[23] und alle Dörfer am östlichen Ufer des Lech in einem Umkreis von 20 Kilometern um Augsburg herum in Brand. An jenem Tag hingen ungeheure Rauchwolken rundum am Horizont, und über allem rollte das dumpfe Dröhnen heftigen Artilleriefeuers. Die Kaiserlichen erschienen, um Augsburg zu entsetzen. Gegen Mittag am 2. [12.] Oktober erreichte ihre Vorhut den Lech.

Damit hatte die Belagerung keine Aussicht auf Erfolg mehr. Das schwedisch-französische Heer räumte seine Stellungen und die neu gegrabenen Minengänge, rollte die Kanonen aus den Batterien, schickte seine Verwundeten voraus, setzte das eigene Lager in Brand und retirierte anschließend in guter Ordnung von Augsburg in nordwestlicher Richtung. Man wollte indessen nicht in die abgegrasten Regionen im Norden zurückgehen. Aber man brauchte um jeden Preis gute Winterquartiere. Leopold Wilhelm ging nach Aichach[24]-Schrobenhausen[25] zurück. Die Schweden und Franzosen breiteten sich nun zwischen der Iller und Mindelheim[26] aus, was Leopold Wilhelm zum Vorgehen über Landsberg[27] gegen Memmingen[28] veranlasste“.[29]

1647 nahm Royer an der Belagerung Memmingens statt.

„Memmingen gehörte seit 1286 zum Kranz der Reichsstädte. Sie lagen im Westen, besonders im Südwesten, und nannten sich ‚Des Heiligen Reiches freie Städte‘, untertan allein dem Kaiser, als Gemeinwesen frei und selbst verwaltet. Memmingen war mit Mauern und Toren gut bewehrt und besaß ein eigenes ländliches Territorium von zwölf Dörfern. In Memmingen hatte die Reformation Einzug gehalten. Die Stadt war im Ulmer Waffenstillstand vom Kurfürsten von Bayern den Schweden eingeräumt worden, was er konnte, denn es hatte eine bayrische Besatzung. Ob er über eine Reichsstadt verfügen durfte, ist eine andere Frage.

Am 29. September 1647 traf Generalfeldzeugmeister von Enkevoer bei Memmingen ein. Seine beiden Fußregimenter ‚Enkevoer‘ und ‚Rübland‘ folgten. Kurfürst Maximilian von Bayern war mit dem kaiserlich-bayrischen Rekonjunktur-Rezeß vom 7. September wieder an die Seite des Kaisers getreten. Bis zum 28. September hatten die Bayern acht Fußregimenter, drei Reiterregimenter und das Dragonerregiment Bartels vor den Toren Memmingens versammelt. – Es waren die Fußregimenter Cobb, Fugger, Marimont, Mercy, Ners, Royer, Reuschenberg und Winterscheid, die Reiterregimenter La Pierre, Jung-Kolb und Walpott-Bassenheim sowie das Dragoner-Regiment Bartels. – Ihre Streitmacht umfasste 83 Kompanien. Die bayrische Belagerungsartillerie mit dem Fuhrpark an ‚Stückwagen‘, auf denen die schweren Rohre, Lafetten, Kugel- und Munitionswagen mit Pulver, Pech und Petarden, Kränen, Winden und Zugbrücken wurde von 1.074 Pferden bewegt. Noch mehr Dienstpferde der Reiterei und Zugpferde des Tross‘ kamen hinzu. Am 30. September übernahm Enkevoer ganz selbstverständlich als der ranghöchste General das Kommando vor Memmingen. Zu seiner Rangautorität kam zweifellos sein persönliches Ansehen, bestätigt durch seine jüngsten Erfolge.

Am 28. September war Feldmarschall Wrangel der Brief zugestellt worden, mit dem der Kurfürst von Bayern den Waffenstillstand mit Schweden widerrief.[30] Zwei Tage zuvor hatte Wrangel ein französisches Eingreifen in Süddeutschland als höchst ungewiß bezeichnet.[31] Der bayrisch-französische Waffenstillstand bestand noch – und hat über die Zeit der Belagerung hinaus gehalten. Feldmarschall Holzappel versorgte Enkevor mit Lageorientierungen: ‚Der Kriegszustand hat sich so weit geändert, daß wir uns mit den Churbayrischen nunmehr über das Erz(gebirge) aus dem Königreich ins Meissensche gezogen und entschlossen, dem feindt auf den Hals zu gehen, welcher den einkommenden Zeitungen nach bey Zeitz[32] stehe. Ob er nun aber an die Elbe oder in Niedersachsen gehen wirdt, solches kann man noch nicht eigentlich wissen‘ (Lageorientierung vom 18. Oktober).[33] Kaiserliche und Bayern konnten Memmingen belagern, ohne schwedische oder französische Entsatzversuche befürchten zu müssen.

Enkevoer nahm sein Hauptquartier im Dorfe Buxheim[34] nordwestlich von Memmingen, nahe der Iller. Die drei bayrischen Generalwachtmeister de Lapier, Rouyer und Winterscheid mit ihren Frauen und Enckevort allein bezogen verschiedene Häuser und Säle in der Kartause des Klosters zu Buxheim. Zwischen Buxheim und Hart errichteten die acht bayerischen Fußregimenter ein befestigtes Lager. Die beiden kaiserlichen legte Enkevoer in den Ort Hart, südwestlich Memmingen. Im Süden und Südosten schloß sich die Masse der bayerischen Reiterei bis nach Memmingerberg[35] an. In diesem Dorf stand das Reiterregiment Walbott und kontrollierte die ostwärts führende Straße nach Mindelheim. Rund um das Dorf wurden Schanzen aufgeworfen. Über die Dörfer Grünenfurt,[36] Ammendingen[37] und Egelsee[38] fand der Belagerungsring aus Schanzen und Redouten in einem nordöstlichen und nördlichen Bogen wieder Anschluß an die Iller. Damit war Memmingen vollständig eingeschlossen.

Die nächsten Städte, auf die man sich zur Versorgung stützte, waren Mindelheim im Osten und Leutkirch im Südwesten. Nach Mindelheim wurden die transportfähigen Verwundeten in feste Unterkünfte gefahren. Leutkirch mußte Brot liefern und ‚etliche Persohnen und Pferdt hinunder in das Lager nacher Buxheimb schicken und dann Wochentlich offgemelten General Enckenfort einen Wagen – den die Burger den Freßwagen nenneten – mit allerhand zur Kuchen dienende Sachen, so jedesmal 100 Gulden kostete [lüfern; BW]‘.[39]

Schon am 20. September hatte der bayrische Generalwachtmeister de Lapier [La Pierre; BW] mit seiner Reiterei die Stadt von aller Zufuhr abgeschnitten. Kurfürst Maximilian forderte in einem Mahnschreiben den Magistrat auf, weder mit Rat und Tat den Schweden zu helfen, noch der Bürgerschaft zu erlauben, gegen die Waffen des Heiligen Reiches Widerstand zu leisten. Vielmehr solle der Magistrat den Kommandanten dahin bringen, ohne Verzug mit seinen Kriegsvölkern abzuziehen, um allen ‚Extremitäten und Gefahren vorzubeugen, in die sonst die Reichsstadt geraten würde“.[40]

Der Söldner Hagendorf, der unter dem Kommando von Winterscheid stand, hat in seinem Tagebuch eine kurze Beschreibung der Belagerung hinterlassen: „Den 27. September angekommen zu Memmingen im Jahr 1647. Unser Lager aufgeschlagen bei dem Kloster Buxheim.[41] Bald mit Schanzen und Laufgräben gearbeitet und zwei Batterien davor gelegt. Auf der großen Batterie hat mein Oberst Winterscheid als Generalwachtmeister kommandiert. Darauf sind gestanden 2 dreiviertel halbe Kartaunen, 4 halbe Kartaunen, 2 Schlangen. Auf der kleinen Batterie hat kommandiert der Oberst Rouyer [Royer; BW], sind ebensoviel Kanonen daselbst gestanden. Damit haben sie nichts anderes geschossen als glühende Kugeln. Noch haben wir 4 Feuer-Mörser gehabt und geschossen Tag und Nacht. Den 5. Oktober sind sie ausgefallen, uns von den Batterien weggetrieben und 5 Stück vernagelt. Überdem haben sie noch etliche Ausfälle getan. Aber wir haben sie bald wieder hineingejagt. Überdem haben wir uns besser versehen und die Mauern und ihre Batterien mit Kanonen und Minen verwüstet, daß sie sich haben müssen ergeben. Wir haben auch etliche Male die Schanzen gestürmt, so das Krugstor und das Westertor, aber nichts gerichtet, außer viel Volk verloren. Den 23. November im Jahr 1647 haben sie akkordiert, den 25. November abgezogen. Darin sind gelegen 350 Mann. Der Oberst Przyemsky hat hier kommandiert. Mit Sack und Pack sind sie abgezogen, sind eskortiert worden bis nach Erfurt“.[42]

Der Chronist Christoph Schorer, Sohn des namensgleichen Dr. jur. Christoph Schorer, Memminger Ratsadvokat und über zwei Jahre bei den Westfälischen Friedensverhandlungen anwesend, hat dagegen in seiner „Memminger Chronick“ (1660) den Verlauf der Belagerung aus der Sicht der Betroffenen ausführlich dargestellt.

„Der Kommandant Memmingens, Obrist Sigismund Przyemski, ein gebürtiger Pole, befehligte nur zwischen 400 und 500 Mann, darunter etwa 70 Reiter. Dennoch war er zu äußerstem Widerstand entschlossen. Über die Neutralität Bayerns machte er sich keine Illusionen. Die Kaiserlichen und Bayerischen waren ihm an Zahl und Artillerie um ein Vielfaches überlegen. Für Przyemski zählte seine gute Versorgungslage mit Lebensmitteln und Munition sowie die fortgeschrittene Jahreszeit. Mit jedem neuen Herbsttag würden die Belagerer mehr den Unbilden der Witterung ausgesetzt sein, während seine schwedische Besatzung den Schutz der festen Unterkünfte hatte. Es kam darauf an, die Verteidigungskraft seiner Soldaten so lange wie möglich zu erhalten und den an sich schon hohen Verteidigungswert der Festung weiter zu erhöhen.

Am 21. September, einen Sonnabend, ließ der Kommandant die Bürgerschaft auf die Zunfträume kommen und forderte sie durch seinen Major auf, die Stadt zusammen mit der Besatzung zu verteidigen. Die Bürger weigerten sich unter Hinweis auf ihre kaiserliche Obrigkeit. Sie seien ungewollt als ein ’subjektum passivum‘ unter die schwedische Besatzung geraten. Damit spielten sie auf den Ulmer Waffenstillstand an, der ihre Reichsstadt ungefragt an die Schweden ausgeliefert hatte.[43]

Am anderen Tage ließ Przyemski an mehreren Stellen einen Verteidigungsaufruf anschlagen, den Marktplatz während der Sonntagspredigt einzäunen, von Soldaten unter Gewehr umstellen und seine Kavallerie in den Gassen und am Markt aufreiten. Er rief den Magistrat und die Bürger durch Trommelschläger bei Strafe für Leib und Leben auf den Markt und in die Einzäunung. Dort stand er selbst auf einem Podest. Die Bürger, welche den Gottesdienst besucht hatten, wurden sogleich von den Kirchenstufen zu ihm gelenkt. Jetzt sprach Przyemski, zuerst zum Rat, dann zu den einzelnen Zünften. Sie sollten an Ort und Stelle erklären, ob sie ihn als Kommandanten anerkennen, zu ihm halten und ihm und seinen Soldaten bei der Verteidigung der Stadt beistehen wollten; diejenigen, die sich nicht dazu verstehen wollten, sollten auf die Seite treten, an denen werde er eine scharfe Exekution vornehmen lassen – und der Scharfrichter wartete schon, für alle sichtbar. Niemand trat auf die Seite und der Magistrat beriet sich kurz. ‚Nachdem nun die Bürger solchen Ernst und Gewalt gesehen, haben sie in sein (Przyemskis) Begehren gezwungen einwilligen müssen‘.

Zweihundert Handwerksgesellen wurden ausgewählt, bewaffnet und zum Wachdienst unter Aufsicht der regulären Truppe eingeteilt. Für seine Soldaten reduzierte der Kommandant damit das ermüdende Wachestehen. Alle erwachsenen Einwohner, Männer wie Frauen, mußten sich einüben, etwa ausbrechende Feuer zu löschen. Bürger der Stadt, hereingeflohene Bauern aus den umliegenden zu Memmingen gehörenden Dörfern, meist aber die Gesindeleute wurden zum Schanzdienst vor den Mauern herangezogen. Auch Frauen mußten mit hinaus. Vor zwei besonders gefährdeten Stadttoren ließ der Kommandant Erdbastionen aufwerfen und durch ein ‚Ravelin‘ verbinden. Vier schon vorhandene Außenwerke ließ er verstärken, und das alles in der kurzen Zeitspanne von etwa Mitte September bis Anfang Oktober. Einen Müllersknecht, der den Schanzdienst eigenmächtig verlassen hatte, ließ er zur Abschreckung an den Pranger stellen und einen Bauern, der lässig gearbeitet hatte, an den Pfahl auf dem Markt. Während fast der ganzen Zeit der Belagerung wurde geschanzt und gebaut, denn erst mit der Anlage der Annäherungsgräben (Approchen) deckten die Belagerer ihre Angriffsrichtungen auf. Zerstörte oder beschädigte Erdwerke ließ Przyemski ohne Verzug – bei Tag und Nacht – neu aufrichten oder ausbessern. Immer wieder gab es dabei Verluste. Einmal wurde ‚ein Mägdlein beym Schantzen tod geschossen‘, später eine erwachsene Magd.[44] Das Dach über dem Pfarrhof ließ Przyemski abtragen und in der so gewonnenen Feuerstellung eine schwedische Geschützbatterie auffahren, welche die Kaiserlichen und Bayrischen nicht zum Schweigen brachten.

Die Besatzung wagte elf Ausfälle, teils zu Pferd, teils zu Fuß, einmal sogar mit ‚zwey Regiments-Stücklein‘. Mit mehreren dieser Vorstöße drang sie bis in die Approchen vor. Jedesmal kam es dabei zu blutigen Nahkämpfen mit Blankwaffen und Handgranaten (die es schon gab). Ein Ausfall am 5. Oktober mit 150 Mann und allen schwedischen Reitern führte bis in die Geschützstellungen des Belagerungskorps. Die kaiserlich-bayrischen Truppen verloren dabei fünf Gefallene, 49 Verwundete und 17 Gefangene, außerdem fünf Kanonen, die unbrauchbar ‚genagelt‘ wurden. Nach einem Ausfall am 10. Oktober, bei dem die Bayern 20 Tote und 52 Verwundete beklagen mußten, wurde für den folgenden Tag eine beiderseitige Waffenruhe vereinbart, in der die Toten geborgen und übergeben wurden. Bei einem Nachtangriff der Schweden erlitt das Regiment Rübland [Ruebland] hohe Verluste, nach Aussagen von Gefangenen waren angeblich 50 Mann gefallen, die ‚Gequetschten‘ (Verwundeten) nicht gerechnet. Bei ihren Ausfällen hatte die schwedische Besatzung das Überraschungsmoment meist für sich. Von der Stadtmauer und den Toren konnte sie schwächer besetzte Abschnitte bei den Kaiserlichen und den Reichsvölkern ausmachen und dort ihre Angriffe ansetzen, wobei sie sich gedeckt in dem Graben vor der Stadtmauer bereitstellte, solange er in ihrem Besitz war.

Die Belagerer standen an vielen Stellen bis zu den Knien im Wasser ihrer Approchen. Dennoch hatte die Belagerung erhebliche Fortschritte gemacht. Die Belagerten hatten zwar, nicht zuletzt wegen der ‚Beihilfe‘ der Bürgerschaft, stärkeren Widerstand geleistet, als von Enckevoer vermutet. Doch hatten sich die Fußsoldaten der Reichsvölker an einigen Stellen bis zum Graben vor der Stadtmauer vorgeschanzt und vorgekämpft. Dabei hatten sie die ‚Kontre-Escarpe‘ durchbrechen müssen, die ‚Gegenböschung‘ vor der Stadtmauer, die in den Stadtgraben hinab führt. Die Schweden mußten ihre Ausfälle einstellen. Enckevoer am 5. November: ‚ … seither meinem jüngsten an Euer Execellenz (Holzappel) Bericht seindt unsere Werkhe, nach geschehener Durchbrüch und Eroberung der Contrescarpa, bis in den (Stadt)graben gebracht, daß nuhn zu allem ernstlichen Angriff geschritten (werden kann). undt nechstens, wann die schier auch zu endt geführte minen zu ihrer völligen Anfertigen gelangt sein werden, ein guter Effectus dieser Operation … zu hoffen (ist)‘.[45]

Die Entscheidung mußte der unterirdische Minenkampf und die Belagerungsartillerie bringen. Bis Mitte Oktober waren 53 Bergknappen zur Unterstützung des Belagerungskorps eingetroffen. Sie unterstanden einem Bergmeister und drei Berghauptleuten. Das Krugstor und das Lindauer Tor standen dem Lager der bayrischen Fußregimenter am nächsten. Gegen beide Tore wurden die ersten unterirdischen Stollen, die ‚Minen‘, vorangetrieben. Die Schweden hatten den Erdaushub beobachtet, trieben in Richtung auf die Minen einen Gegengraben vor und bauten einen quer dazu verlaufenden Abschnitt, um von dort in die Minen eindringen zu können. Dennoch ließen die Belagerer unter dem von den Schweden errichteten Erdwerk am Lindauer Tor am 5. November die erste Sprengkammer detonieren. Die Sprengung zeigte kaum Wirkung. Möglicherweise war der Stollen wegen der schwedischen Gegengräben zu tief angelegt worden. Die andere Mine gegen das Krugstor wurde von den Schweden entdeckt und zugeschüttet.

Am 6. November wurde eine zweite Kammer unter dem Erdwerk vor dem Lindauer Tor gezündet, diesmal mit mehr Erfolg, das Werk wurde beschädigt, aber noch nicht zerstört. Die Mine gegen das Krugstor stellten bayrische Fußtruppen nach einem Gegenangriff wieder her und die Knappen ließen eine neue Pulverladung am 7. November ’springen‘, wieder ohne nennenswerten Effekt. Dennoch stürmten die Belagerer gegen das Werk rechts vom Krugstor, das zuvor sturmreif geschossen worden war. Sie waren bereits auf und in dem Werk, als die Schweden einen Gegenstoß führten, der die Eingedrungenen wieder zurückwarf. Es wurde so hart und erbittert gekämpft, daß die Angreifer wieder sechs Gefallene und 68 Verwundete bergen mußten. Am Tage darauf schossen die Schweden in die Stollen vor dem Krugstor. ‚Deshalb wurde mit der Mine ein und einen halben Klafter zurückgegangen, selbige mit starken Brettern und großen Nägeln festgemacht, nach diesem auf der rechten Hand eine Kammer verfertigt und darin drei Tonnen Pulver gethan und dann für den Gebrauch verwahrt‘. Diese Sprengladung warf nur einige Palisaden um. Doch die folgenden Sprengungen unter den Erdwerken brachten Einsturz und Tod, wie die beim Lindauer Tor am 11. November. Neun ‚contraminierende‘ Soldaten der Schweden kamen dabei ums Leben, ‚etliche Soldaten und Schantzleut wurden auch empor gehebt, die aber beym Leben erhalten worden …‘. Teils wurden die den Stadtmauern vorgelagerten Erdwälle und Böschungen zum Einsturz gebracht, teils wurde so gesprengt, daß der Stadtgraben zugeschüttet wurde Erst dann, bei freiem Schußfeld gegen die Steinmauern und Tore der Stadt, konnte die Belagerungsartillerie ihre volle Wirkung entfalten. Gegen die Erdwerke richteten die Kanonen mit ihren Vollkugeln und damaligen Granaten wenig aus.

An schwerer bayrischer Artillerie, an ‚Stücken‘, waren vor Memmingen sechs Mörser und 20 großkalibrige Kanonen in Feuerstellung. Die Mörser oder Böller ‚warfen‘ Eisenkugeln, Steinkugeln, Granaten und Feuerballen im Steilfeuer in die Stadt. Die Kanonen auf ihren aufgeworfenen Bastionen schossen im meist direkten Richten mit flacher Flugbahn gegen die Tore und gegen die beabsichtigten oder vorgetäuschten Einbruchsstellen in der Stadtmauer. Am Abend des 5. Oktober wurde – wohl als Antwort auf den gelungenen Ausfall der Schweden – eine grausam erdachte Kanonade eröffnet. Neben dem ohrenbetäubenden Dauerbeschuß mit explodierenden Granaten und schweren Vollkugeln wurden an die 50 Feuerballen, schon im Fluge brennend, in die Stadt geworfen. Zwei Stadel mit noch ungedroschenem Getreide gerieten in Brand, auf den lodernden und funkensprühenden Flammenherd richtete die Belagerungsartillerie jetzt alle Rohre und schoß im zusammengefaßten Geschütz- und Mörserfeuer in das neue, gut sichtbare Ziel. Bei den Löscharbeiten ‚geriet alles in große Unordnung und ein jeder das seinige zu salviren trachtete‘. Die Brände wurden kaum noch gelöscht, Wasser kam nicht mehr herbei, die beiden nächst stehenden Wohnhäuser fingen Feuer. Przyemski erschien ‚in eigener Persohn‘. Die ihren Hausrat wegtragen wollten, ließ er mit Schelten und Schlägen davon abbringen, trieb sie wieder zum Wasserschleppen und ließ von seiner Begleitung den herausgeretteten Hausrat aufnehmen und in die Flammen werfen. Die Menschen löschten wieder, ihre einzige Chance, verbliebenes Hab und Gut zu retten: ‚ … daher durch des Kommandanten Fleiß und Vorsichtigkeit verhütet wurde, daß das Feuer weiter kam‘. Przyemski publizierte erneut einen Befehl, wonach alle Scheunen und Häuser von Stroh zu räumen waren und es nur noch unter freiem Himmel, in Gärten und an abgelegenen Orten, gestapelt werden durfte. Am 19. Oktober brach noch einmal an drei Stellen zugleich Feuer in der Stadt aus, das aber bald gelöscht werden konnte.

Gleich anderen erfolgreichen militärischen Befehlshabern war es Przyemski in die Wiege gelegt, bei Freund wie Feind die Psyche zu beeinflussen. Einmal wurde eine Soldatenfrau aus dem kaiserlich-bayrischen Troß aufgegriffen und vor ihn gestellt. Er schenkte ihr einen halben Taler, damit sie sich in der Stadt Weißbrot kaufe, und schickte sie dann mit dem Brot zu den ihrigen vor der Mauer zurück. Man kann sich ausmalen, was sie dort alles zu erzählen hatte. Von Hungersnot in der Festung wird sie nichts berichtet haben. Wie Przyemski die Bürger zur Teilnahme an der Verteidigung Memmingens brachte, wie er dabei seinen Major vorschickte, wie er Stimmung und Haltung der Bürger teste, wie er auf dem Marktplatz selbst sprach, einzeln zum Rat und zu den Zünften, mit der sichtbaren Drohung seiner bewaffneten Soldaten und des Scharfrichters, wie er seine Ansprache aufbaute, das alles war ein psychologisches Meisterstück. Einen Tag nach dem 5. Oktober, nach der gerade noch unter Kontrolle gebrachten Feuersbrunst, als ‚alles voller Schrecken und Angst‘, versammelten sich Frauen der Stadt, die Przyemski mit einem Fußfall bitten wollten, daß er rechtzeitig einen Übergabevertrag schloß, damit Stadt und Bürgerschaft samt ‚Weib und Kindern‘ nicht zu Grunde gingen. Er ließ sie gar nicht erst vor, sondern ausrichten, er wisse auch ohne sie sehr wohl, was er zu tun und zu lassen habe. Sie sollten sich heim begeben und das ihre tun. Wenn sie aber etwa wieder bei ihm vorstellig werden wollten, und selbst wenn es noch mehr seien und dabei die vornehmsten Frauen der Stadt, so werde er sie trotzdem alle ohne Ausnahme nach draußen zum Schanzen führen lassen. In dieser Antwort lag zugleich eine unverhohlene Warnung an den Rat der Stadt, kein Weiberregiment zuzulassen.

Przyemski tat viel, damit das Geld seinen Wert behielt, ‚daß in Brodt, Korn, Fleisch, Schmaltz und andern Sachen kein Aufschlag oder Steigerung fürlieff, sondern alles in dem Preiß bleiben mußte, wie es vor der Belagerung gewesen. Wer darüber that, gegen den verfuhr er mit strenger Execution‘. Auch mit drakonischen Strafen hätte er wohl auf Dauer den Geldwert nicht stabil halten können, wenn die notwendigen Lebensmittel zur Neige gegangen wären. Aber die im Menschen schlummernde Bereicherungssucht und den Wucher dämpfte er doch. An Grundnahrungsmitteln waren genügend Vorräte angelegt und den Sommer 1647 über aufgestockt worden. Die einfachen Soldaten gaben den Bürgern Memmingens immer wieder zu verstehen, daß ihr Kommandant und seine Offiziere sehr erfahren seien. Nie wurde bei den einfachen Soldaten Unwillen oder Ungeduld bemerkt. Sie ‚hatten solchen Eyffer und Begierd, daß die Verletzte, ehe sie gar heil worden, den Posten, wan sie nur kondten, zu eileten. Wann ein Ernst oder Anstalt zum Stürmen wahrgenommen worden, seyn auch der Officier Knecht und Jungen mit Gewehr auff die Werck geloffen und helffen fechten, ob sie dessen schon kein Befelch gehabt‘.

Insgesamt verschossen die Belagerer bis in die zweite Hälfte November um die 5.200 Schuß aus Kanonen und Mörsern. Sie verbrauchten dabei etwa 550 Zentner Pulver und 140 Zentner Lunten. Allein an die bayrischen Fußvölker waren rund 125.000 Musketenkugeln ausgegeben worden. Die schwedische Besatzung verbrauchte etwa 200 Zentner Pulver.

Am 12. November war ein Feldtrompeter Enckevoers vor die Stadtmauer Memmingens geritten. Auf gekennzeichnete Trompeter, die bestimmte Signale schmetterten, wurde nicht geschossen; sie waren die Parlamentäre zwischen feindlichen Truppen und den Kriegsparteien. Der Trompeter überbrachte ein Schreiben Enckevoers, ‚darinnen guter Accord zu geben anerbotten‘, die Aufforderung, die Stadt durch einen Vertrag zu übergeben. Und der Trompeter rief über die Mauer, man habe sechs Minen fertig, die sofort gezündet werden könnten. ‚Extremitäten und Gefahren‘ wurden immer größer, ein Sturm auf die Stadt, nachdem Minen die Breschen gesprengt hatten, die Freigabe der Stadt zur Plünderung und Willkür für die stürmenden Soldaten, nach damaligem Kriegsbrauch, praktiziert von allen Armeen. Der Trompeter wurde nicht in die Stadt eingelassen, sondern mit einer mündlichen Antwort ‚manierlich‘ abgewiesen.

Endlich, am 20. November, schickte Przyemski seinen Trompeter zu Enckevoer mit dem Wunsch, ihn sprechen zu wollen. Zunächst machte Enckevoer zur Bedingung, daß ein schwedischer Major und ein bayrischer Obristwachtmeister gegenseitig als Geiseln auf Zeit genommen wurden. Dann schwiegen alle Waffen. Przyemski ritt im Vertrauen auf das ihm gegebene Kavaliersehrenwort Enckevors zu ihm, um über die Übergabe zu verhandeln. Hauptgrund war der Mangel an Kugeln und Pulver. Am Ende der Belagerung hatten die Bürger als Bleiersatz ihr Zinngeschirr abgeben müssen und in Memmingen ‚hat man nach der Schwedischen Abzug mehr nicht dann nur zwei Tonnen Pulver, an Bley und Kugeln aber fast nichts gefunden‘.

Przyemski ritt in die Stadt zurück, er war mit den ersten Übergabebedingungen nicht einverstanden. Die beiden Geiseln wurden zurückgestellt, die Feindseligkeiten wieder aufgenommen. Doch stürmen ließ Enckevoer noch nicht, noch wartete er zu und vertraute seiner Kriegserfahrung. Am 22. November nahm die Belagerungsartillerie die Beschießung wieder auf, am Abend wurden zusätzlich Granaten geworfen und zwei Häuser zerstört. Jetzt wurde der Rat der Stadt bei Przyemski vorstellig und schilderte die Not. Przyemski zeigte sich zunächst erzürnt – er schickte aber doch ein Schreiben mit neuen Übergabepunkten an Enckevoer.

Schon seit Wochen hielt Przyemski Reiter auf dem Markt in Bereitschaft und ließ sie in den Gassen patrouillieren, ‚damit von Burgern und Inwohnern nichts wider die Schwedische Völcker practicirt werde‘. Am Abend des 23. November traf die Antwort der kaiserlich-bayrischen Belagerer bei Przyemski ein. Ein bereits von Enkevoer abzeichneter ‚Accord‘ zur Übergabe der Reichsstadt, mit dem eigenhändigen Zusatz Enkevoers, ‚daß es dabey sein Verbleiben haben werde‘. Dieses Angebot war sein letztes.

Unterschrieben wurde der Übergabevertrag von Przyemski für die schwedische Seite, von Enkevoer, Lapier, Rouyer und Winterscheid für die kaiserlich-bayrische. Enckevoer hat die drei bayerischen Generalwachtmeister mit unterzeichnen lassen, das honorierte ihren Anteil am Belagerungserfolg und enthob ihn langatmiger Rechtfertigung der Übergabebindungen vor Kurfürst Maximilian. Die kaiserlich-bayrischen Truppen besetzten das ihnen eingeräumte Krugstor. Die beiderseitig gemachten Gefangenen wurden ohne Zahlung oder Verrechnung von Lösegeld ausgewechselt. Die Schweden hatten 55 Tote und etwa 60 Verwundete. Sie begruben ihre Toten und setzten die gefallenen Offiziere in der Sankt Martinskirche bei. Am 25. November zog die schwedische Besatzung in mustergültiger Ordnung mit noch 260 Musketieren und 66 Reitern unter 12 wehenden Fahnen ab. Alle mobilen Waffen und 20 Bagagewagen führten sie mit. 100 bayrische Reiter eskortierten sie durch die eigenen Reihen in Lichtung auf Leipheim an der Donau. Enkevoer und Przyemski nahmen nebeneinander stehend den Ausmarsch ab.

Przyemskis Marschziel war die zentral gelegene Festung Erfurt,[46] der große schwedische Etappenplatz zwischen Ostsee und Süddeutschland, zwischen Niedersachsen und Böhmen, zwischen Schlesien im Osten und Hessen im Westen. Sein Marsch führte ihn von Leipheim[47] zur Festung Schweinfurt,[48] von da zur Festung Königshofen[49] im Grabfeldgau, nach Suhl,[50] dann über den Thüringer Wald nach Erfurt. In Erfüllung der Übergabebedingungen wurden die zurückgelassenen schwedischen Verwundeten versorgt und gepflegt. Auch ihnen war freier Abzug nach Gesundung zugesichert.

Memmingen beklagte elf getötete Einwohner und Flüchtlinge. Beim Schanzen waren eine Magd und ‚Mägdlein‘, ein Bauer und ein Müllersknecht umgekommen. Ein Bierwirt, der sich auf der Mauer aufhielt, wohl um auszuschenken, war während einer Kanonade von einem herabstürzenden Stück Holz erschlagen worden. Direkt durch Artilleriebeschuß oder Minensprengung waren eine Frau, zwei Bürger, ein Bauer und ein Knecht ums Leben gekommen. Einen Weberknappen hatte ganz am Ende sein Schicksal ereilt, als ihm von einer Kanonenkugel ‚der Kopff hinweg geschossen worden‘. Die überstandenen Verletzungen, leichte und schwere, waren zahlreicher. Dennoch ist der Kelch der Belagerung an der Bürgerschaft, den hereingeflohenen Bauern und beider Anhang noch einigermaßen glimpflich vorüber gegangen. Dafür kann man einige Erklärungen heranziehen, der Chronist aber dankt Gott“.[51]

„Am schwersten hatte das kaiserlich-bayrische Belagerungskorps gelitten. 199 Soldaten waren gefallen, 478 verwundet worden und 285 hatten die Fahnenflucht den harten Bedingungen und tödlichen Gefahren der Belagerung vorgezogen. Über 900 Mann, oder – in der durchschnittlichen Iststärke kaiserlicher Regimenter am Kriegsende gerechnet – fast drei Fußregimenter waren bei der Belagerung verloren gegangen.

Zwar war Memmingen mit dem Ulmer Waffenstillstand den Schweden von Kurfürst Maximilian selbst eingeräumt worden, im herbstlichen Rekonjunktions-Rezeß mit dem Kaiser aber hatte Maximilian sich auch den schwäbischen Reichskreis ausbedungen, um seine Reichsarmee zu unterhalten. Damit der ganze Kreis vor dem Winter in Kontribution gesetzt werden konnte, mußte Memmingen erobert werden. Deshalb hatte Maximilian seine Armee geteilt, deshalb zwölf Regimenter vor Memmingen beordert und nicht alle Truppen seinem neuen Feldmarschall Gronsfeld unterstellt. Für die weiteren Operationen spielte Memmingen keine Rolle mehr, doch Maximilians Fixierung auf Memmingen hat nicht nur an den kaiserlich-bayrischen Kräften gezehrt, sie hat auch die Konzentration der Kräfte bei der Hauptarmee vermindert.

Der polnisch-schwedische Kommandant Przyemski hingegen hat während seiner energischen, an Initiativen reichen und psychologisch geschickten Verteidigung Memmingens – in der Phase des Rückzugs der schwedischen Armee – starke kaiserlich-bayrische Kräfte gebunden. Den 29. September 1647 trat Wrangel seinen Rückzug zur Weser an, an dem Tag war das bayrische Belagerungskorps vor Memmingen vollständig versammelt, an dem Tage traf Enkevoer ein, die Belagerung begann. Die acht Wochen der Belagerung war die Zeit der höchsten Gefährdung der schwedischen Hauptarmee. Wenn Caspar Schoch mit seinem Reiterregiment den Ausschlag für die Operationsfreiheit der Kaiserlichen in Schwaben gegeben hat, so trug Sigismund Przyemski dazu bei, die schwedische Hauptarmee bei ihrem schwierigen Rückzug zu entlasten. Operativ gesehen war die Belagerung von Memmingen ein schwerer Fehler der kaiserlich-bayrischen Seite“.[52]

1647/48 nahm Royer an dem letzten Feldzug der Kaiserlichen und Bayerischen gegen die erneut gegen Bayern vordringenden französisch-schwedischen Konföderierten teil. Die in Dinkelsbühl[53] hinterlassene, 258 Mann starke Besatzung der bikonfessionellen Reichsstadt hatte unter erheblichen Verlusten am 21.4.1648 kapitulieren müssen.[54] Angeblich war Dinkelsbühl fünf Tage lang beschossen worden, wobei Kloster und Kirche allein 300 Kugeln getroffen haben sollen. Wrangel habe eine Sammlung unter den hohen Offizieren und den seine Armee begleitenden Fürsten veranstaltet, um die Schäden zu ersetzen.[55] Den zuvor vom kaiserlichen Feldmarschall Holzappel vorgeschlagenen Entsatz durch 3.000 Kavalleristen hatte die bayerische Generalität abgelehnt. Die Offiziere hatten freien Abzug erhalten, während die Gemeinen nach dem üblichen Vorgehen unter die schwedische Armee gesteckt wurden. Wrangel hatte sein rigoroses Vorgehen damit begründet, dass er „so wenige soldatten so weitläuffigem posto vor khein guarnison, sondern nur für ein salva guardi und dahero einigen accords unwürdig achte, und nur dem herrn generalwachtmeister Royer zu gefallen das leben schenkhen thue“.[56]

Maximilian I. klagte gegenüber Ferdinand III.: „Es hat heut‘ die K. Armada die Avantgarde, und ist die Kavallerie sämmtlich an hiesigem unserm Hauptquartier vorübermarschiert, die haben etliche vom 1. bis letztem Regiment wol besichtigt und darauf in des Feldherrn Zimmer allhier, da Hunoldstein, Herzog Ulrich [v. Württemberg; BW], Gol[t]z und Royer gewesen, kommen und gesagt, sie seien zum höchsten erschrocken gewesen über den elenden Stand der kaiserlichen Kavallerie, sie getrauten sich solche mit 3000 Mann zu schlagen, so wenig seien deren vorhanden; die aber so gegenwärtig, wären mit matten, schlechten Pferden beritten und nicht wenig davon mit keinem Gewehr versehen“.[57]

Als Royer während seiner Anwesenheit in München den Spott der kurbayerischen Räte über die zögernde Haltung der kurbayerischen Armeeführung hatte hinnehmen müssen,[58] fasste man am 25.4. im Kriegsrat den Entschluss, das von einer starken französischen Garnison besetzte Lauingen[59] zu belagern,[60] um Maximilian zu beschwichtigen und seine Räte zu beeindrucken. Nach Gronsfelds späterer Verteidigungsschrift[61] hatte man mit 350 Mann Besatzung gerechnet, aber dann feststellen müssen, dass es viermal so viele waren.

Nach einer Erhebung waren es in München 5.419 Flüchtlinge; ein Teil wurde zwangsweise nach Landshut[62] und Burghausen[63] verbracht; Royer, der in München kommandierte, sagte zu, die verbliebenen Bauern, die nicht mit ausreichenden Lebensmitteln für ein halbes Jahr versehen waren, hinauszuschaffen.[64]

Seit dem 18.8.1647 war er bayerischer Generalwachtmeister zu Fuß; er führte 684 Mann.[65] Ab dem Sommer  1651 wurde er in den Freiherrnstand erhoben; seit 1669 war er Besitzer der Herrschaft Jetzendorf.[66]

[1] Vgl. die Erwähnungen bei KAPSER, Kriegsorganisation.

[2] WAGNER; USCHOLD, Chronik, S. 75f.

[3] Weiden; HHSD VII, S. 794ff.

[4] KRUSENSTJERN, Selbstzeugnisse, S. 203f.

[5] BRENNER-SCHÄFFER, Geschichte, S. 118.

[6] BRENNER-SCHÄFFER, Geschichte, S. 119.

[7] Tuttlingen [LK Tuttlingen]; HHSD VI, S. 806f.

[8] Rottweil [LK Rottweil]; HHSD VI, S. 676ff.

[9] Heilbronn [Stadtkr.]; HHSD VI, S. 315ff.

[10] BENTELE, Protokolle, S. 216.

[11] Bayerisches Hauptstaatsarchiv München Kurbayern Äußeres Archiv 2953, fol. 154.

[12] Begründte Summarische Relation Deß zwischen der Chur=Bayrischen ReichsArmada / vnd dem auß Westphalen beygestossenen Kays. Succurs eines thails: Dann der Königl. Frantzösischen dem Duca di Anguien vndergebnen Armada / bey deren sich auch die Weinmarische vnd Hessische befunden / andern thails / bey dem Dorff Allershaimb im Rieß den 3. Augusti / Anno 1645. fürgangne Haupttreffens. Gedruckt im Jahr 1645 [Stadtbibliothek Ulm Sch 8227].

[13] Alerheim [LK Donau-Ries]; HHSD VII, S. 6f.

[14] Donauwörth [LK Donau-Ries]; HHSD VII, S. 147ff.

[15] Nördlingen [LK Donau-Ries]; HHSD VII, S. 525ff.

[16] LAHRKAMP, Werth, S. 158.

[17] Lauingen (Donau) [LK Dillingen/Donau]; HHSD VII, S. 396f.

[18] RÜCKERT, Lauingen II, S. 35.

[19] Augsburg; HHSD VII, S. 44ff.

[20] Donauwörth [LK Donau-Ries]; HHSD VII, S. 147ff.

[21] Rain am Lech [LK Donau-Ries]; HHSD VII, S. 599f.

[22] ROECK, Als wollt‘ die Stadt, S. 309ff.

[23] Friedberg [LK Aichach-Friedberg]; HHSD VII, S. 213f.

[24] Aichach [LK Aichach-Friedberg]; HHSD VII, S. 3.

[25] Schrobenhausen [LK Neuburg-Schrobenhausen]; HHSD VII, S. 680f.

[26] Mindelheim LK Unterallgäu]; HHSD VII, S. 450ff.

[27] Landsberg a. Lech; HHSD VII, S. 385f.

[28] Memmingen; HHSD VII, S. 439ff.

[29] ENGLUND, Verwüstung, S. 465f.

[30] APW II C 4/1, Nr. 2: Wrangel an J. Oxenstierna, Hauptquartier Saaz, 1647 IX 18/28.

[31] APW II C 4/1, Nr. 1: Wrangel an J. Oxenstierna, Hauptquartier Saaz, 1647 IX 16/26.

[32] Zeitz [Kr. Zeitz]; HHSD XI, S. 519ff.

[33] Österreichisches Staatsarchiv Wien Reichskanzlei Kriegsakten 170, fol. 255: Holzappel an Enckevort, Hauptquartier Elterlein, 1647 X 18.

[34] Buxheim [LK Unterallgäu]; HHSD VII, S. 122.

[35] Memmingerberg [LK Unterallgäu].

[36] Grünenfurt, Weiler von Memmingen.

[37] Amendingen, heute Stadtteil von Memmingen.

[38] Egelsee, heute Ortsteil von Memmingen.

[39] FURTENBACH, Ober-Ländische Jammer Und Straff-Chronic, S.172.

[40] HÖFER, Ende, S. 108ff.

[41] Buxheim [LK Unterallgäu]; HHSD VII, S. 122.

[42] PETERS, Söldnerleben, S. 185f.

[43] Vgl. die zeitgenössische Einschätzung bei WEECH, Bürster, S. 259: „O wohl ain selzambß freßen oder weßen, auß catholischen reichßstetten und orten von ainem so alten, christlichen, catholischen, euferigen churfürsten und herren, der gnuog wohl schon uff der gruob und dem grab zuegehet, ain solches rüdterlich werk sicilicet zue begehen, catholische guarnisoner uß so uralten catholischen orten heraußzuenehmen, Schwedische, Lutherische und Calvinische, hineinzuefüren ubergeben“. Maximilians Berater M. Kurz selbst hatte die Überlassung Überlingens u. Memmingens als der „antimuralien“ Bayerns u. als Verstoß gegen die Pflichten des Kurfürsten gegenüber dem Reich abgelehnt; Bayerisches Hauptstaatsarchiv München Kasten Geheimer Rat 200/1, unfol.: Aufzeichnungen Adlzreiters; 200/2, unfol.: Aufzeichnungen Mändls; beide v. 1647 II 26. Vgl. IMMLER, Kurfürst Maximilian, S. 425ff. In einem Entwurf Kurz‘, konzipiert auf Verlangen Maximilians (Dreißigjähriger Krieg Akten 491, unfol.), hieß es noch: Das Verlangen nach zwei Reichsstädten gefährde den Frieden, da es unannehmbar sei (!), das kath. Überlingen dem „lutherischen Dominat“ zu unterstellen, hieße dem Teufel die Seelen zu überlassen. Ein ausführl. Bericht über die vom 10.9. bis 15.11. dauernde Belagerung findet sich im Staatsarchiv Ludwigsburg (Akten) Bü. 26 a, Nr. 252.

[44] In einem geheimen Brief vom 28.10. bat der Rat Memmingens die Ulmer um Hilfe. Über 3.000 Kanonenschüsse und 200 Feuerballen, dazu 100 glühende Kartaunen waren in die Stadt geschossen worde. Zillhardt, Zeytregister, S. 217, Anm. 449.

[45] Österreichisches Staatsarchiv Wien Kriegsakten 171, fol. 44-45: Enckevort an Holzappel, Hauptquartier Buxheim, 1647 XI 05.

[46] Erfurt; HHSD IX, S. 100ff.

[47] Leipheim [LK Günzburg]; HHSD VIII, S. 401.

[48] Schweinfurt; HHSD VII, S. 686ff.

[49] Bad Königshofen im Grabfeld [Stadt Bad Königshofen i. Grabfeld]; HHSD VII, S. 368.

[50] Suhl [Kr. Suhl]; HHSD IX, S. 426ff.

[51] HÖFER, Ende, S. 120ff.

[52] HÖFER, Ende, S. 127f.

[53] Dinkelsbühl [LK Ansbach]; HHSD VII, S. 142ff.

[54] THEATRUM EUROPAEUM Bd. 6, S. 314.

[55] EBERL, Geschichte, S. 154ff.

[56] Bayerisches Hauptstaatsarchiv München Kurbayern Äußeres Archiv 2961, fol. 295-298 (Ausfertigung): Bericht des Kommandanten Wilhelm v. Carondelet an Gronsfeld.

[57] Maximilian I. an Ferdinand III., München, 1648 IV 27, zit. bei SCHMIDT, Kalvinist, S. 140. Der Bericht stammte v. dem bayerischen Generalkriegskommissar Schäffer.

[58] SAMBRAUS, Feldzug, S. 69.

[59] Lauingen (Donau) [LK Dillingen/Donau]; HHSD VII, S. 396f.

[60] Bayerisches Hauptstaatsarchiv München Kurbayern Äußeres Archiv 2961, fol. 297 (Ausfertigung): Gronsfeld an Maximilian I., Indling oder Neuburg ?, 1648 IV 25.

[61] Österreichisches Staatsarchiv Wien Kriegsarchiv Alte Feldakten 1648/7/75 f, fol. 6 (Ausfertigung): »Unvorgreiffliche ablegungsschrift« Gronsfelds an Maximilian I., in carcere [= München], 1648 VI 21.

[62] Landshut; HHSD VII, S. 386ff.

[63] Burghausen [LK Altötting]; HHSD VII, S. 115.

[64] SAMBRAUS, Feldzug, S. 110f.: „unter welchem frembden gesindt 3057 persohnen, welche ihrer und der ihrigen, bei welchen sie sich in den häussern aufhalten, beschehner ainzaig nach etwas lebensmittel an Getraidt, Viech, schmalz und andern hetten“. 2.362 mussten die Stadt verlassen, dazu kamen in der Au, Haidhausen und Untergiesing 2.934 landfremde Personen, die von Almosen lebten, deren Rückkehr nach München nur durch das Schließen der Stadttore verhindert werden konnte; HILLE, Ländliche Gesellschaft, S. 128, Anm. 178. Nach SCHLÖGL, Bauern, S. 64, etwa 5.000, die angeblich freiwillig zurückkehrten.

[65] Bayerisches Hauptstaatsarchiv München Kurbayern Äußeres Archiv 2953, fol. 154; HEILMANN, Kriegsgeschichte Bd. 2, S.1129.

[66] Jetzendorf [LK Pfaffenhofen an der Ilm]. FREYBERG, Geschichte; S. 248; EISENMANN; HOHN, Topographisch-statistisches Lexicon, S. 848.

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