Selle [Zelle, Zella], Johann

Selle [Zelle, Zella], Johann; Obristwachtmeister [ – ] Johann Selle [Zelle, Zella [ – ] war Obristwachtmeister im kaiserlichen Regiment Ludolf von Hanensee. 1635 lieh er dem Rat der Stadt Holzminden[1] 1.000 Reichstaler zur Bezahlung von Kontributionen. Dafür verpfändete der Rat das letzte „Tafelsilber“, nämlich die Verfügung über den Ratsweinkeller.[2]

Der schwarzburg-sondershausische Hofrat Happe hält in seiner „Thüringischen Chronik“ die Einquartierung der Soldaten Hanensees fest: „Den 7. September [1636; BW] sind die Hanensischen 5 Compagnien Reuter, so nun in die vierzehn Wochen zu Kelbra[3] gelegen und die armen Leuthe gantz verderbet, im Amt Sondershausen[4] zu Schernberg[5] und andern umliegenden Orthen ankommen, welches uns überaus großen Schrecken und Betrübniß bracht. Den 9. September haben wir mit diesen Reutern accordiren müssen wegen ihres Unterhalts, geben wochentlich 200 rh am Gelde auf eine Compagnie und nothtürftig Essen und Trüncken und auf ein Pferdt wochentlich xxx|Heu| und Stroh. Auch müssen wir den fünften Theil vom Stab unterhalten. Hierüber müssen wir auch noch geben auf die verflossene Zeit, ehe sie nach empfangener Ordinanz die Quartier bezogen, 40 rh. Eodem die ist uns von diesen Völckern der Obriste Wachmeister Johann Selle mit seiner Compagnie zugetheilet worden, ist in Großenehrich[6] einquartiret worden“.[7] „Den 24. September sind etzliche Reuter von den Haneseischen in das Schernbergische Felt kommen. Die haben Ernst von Tettenbornen seine Pferde nehmen wollen. Er |aber| hat sich gewehret und einen Pferde Dieb todt geschossen. Darauf die andern davon geronnen“.[8] „Den 29. September aber ein Hanenseischer Soldat bey Schernberg erschossen worden“.[9] „Den 13. Oktober hat der Hanensische Major Johann Zella [Selle; BW], welcher zu Großenehrich liegt, Meinem Gnädigen Herrn dreyzehen Pferde und sieben Fasse Most genommen“.[10]

Im September 1637 lieh Selle, der auch als Kornhändler tätig ist, dem Rat erneut 200 Taler. „Nach der Ernte sammelt ein Ratsmitglied bei den einzelnen Bürgern Korn ein, um deren Kontributionspflicht damit zu verrechnen“.[11] „Mehr oder minder parallel zu Trotts Forderung [=> Trott, Eckhardt; „Miniaturen“; BW] wurde im September 1637 eine schwedische Kontribution erhoben: 200 Reichstaler, die aber in der Stadt nicht aufzutreiben waren. Hier half wieder einer derer, die in diesem Krieg zu Geld gekommen waren – und weiter dazu kamen. Das war Johann Zelle, dem einmal der Rang eines Generalwachtmeisters (1637), einmal der eines Majors (1638), einmal der eines gewesenen Obristleutnants (1645) zugeschrieben wird. Es hat sich nicht weiter klären lassen, in welcher Armee er diente oder sein Geld machte.[12] Möglicherweise gehörte er zu den Braunschweigern. Aber wichtig an ihm ist nicht die Zugehörigkeit zu einer Kriegspartei, sondern seine Rolle als Kriegsverdiener.

Er räumte der Stadt einen Kredit ein, von dem ausdrücklich vermerkt ist: ‚ … uf Unterhandlung undt Bitte eines Erbahren Rahts’. Das Geld stand am 4. September zur Verfügung. Die einzelnen Kontributionspflichtigen erhielten es im Grunde gar nicht, sondern es stellte nur einen Vorschuß auf die dafür abzuliefernde Ernte dar. Wenn sie dann in den folgenden Tagen oder Wochen je nach Vermögen etwas Gerste oder Roggen zum Rathaus brachten, gab man ihnen ‚ihr’ Geld in die eine Hand; mit der anderen mussten sie es in die Kontributionskasse legen.

Caspar Lampe, zu jener Zeit Stadtschreiber oder ‚Stadtsecretair’, übernahm es, über die Ablieferung Buch zu führen und das Geld aus der einen in die andere Kasse fließen zu lassen. Seine Liste umfaßt einen erheblichen Teil der damaligen Einwohner. Sie alle zählten zu den ‚dürftigen Bürgern’, die so ‚hoch notig geldt zur Contribution’ haben sollten. Man bringt meist einen, zwei oder drei Scheffel; einige Ackerleute schaffen auch einen oder zwei Malter[13] herbei. Als später, wegen eines drohenden Gerichtsverfahrens gegen Caspar Lampe, alle an dem ‚Handel’ Beteiligten zu Protokoll vernommen wurden, erschien unter ihnen auch der fürstenbergische[14] Amtsvogt, Moritz Polman. Für seine Person, so erklärte er, habe er die 10 Taler aus der Kreditsumme keineswegs gebraucht. Aber die Altendorfer[15] (!) Bauern hätten unter unerträglichem Zahlungsdruck durch die Schweden und die fürstliche Leibgarde gestanden. Auf ihre flehentliche Bitte habe er für diese Bauern die zehn Taler bei Caspar Lampe erhoben und ihm schließlich die anteiligen fünf Malter Korn zugeführt. Übrigens ging auch die Pest 1637 wieder in Holzminden um, machte die Überlebenden ärmer und erschwerte den Handel. […]

Nach einem mit Zelle abgeschlossenen Kontrakt sollte das Korn mit 2 Talern pro Malter abgerechnet werden. Korn durfte nach einem fürstlichen Erlaß eigentlich nicht mehr außer Landes gehen. Aber der Rat hatte Zelle zugesagt, eine landesfürstliche Lizenz herbeizuschaffen, so daß ihm das Korn nach Hameln[16] geliefert werden konnte. Im Frühjahr 1638, zur Zeit des begonnenen Gerichtsverfahrens, stand der Preis des Malters Korn jedoch bei 3 ½ Talern. Die Herren des Rats waren laut Protokoll jedoch sicher, dem Kreditgeber das restliche Korn zu dem für die Holzmindener ungünstigen, niedrigen Preis von 2 Talern liefern zu müssen. Zelle war ungeduldig und ließ ihnen keine Ruhe, und ein Teil der Holzminderer hatte das geschuldete Korn auch bis 1638 nicht aufbringen können. Damit konnte sich der Rat an Nachforschungen wegen des Preises gar nicht erst heranwagen. Der höhere Preis kam ausschließlich dem ‚Kornhändler’ Zelle in Hameln zugute, die Erzeuger hatten nichts davon.

Dem vorliegenden Aktenband war es nicht eindeutig zu entnehmen, warum der Vorgang, der allein schon für genug Elend zeugte, ein fürstliches Gerichtsverfahren auslöste. War es der Vorwurf, daß Caspar Lampe – für die Stadt – Korn ins Ausland (Hameln) verbringen wollte ? Hatte irgendein Kornhändler ihn des konkurrierenden, illegalen Handelns beschuldigt. Alle Befragten sprachen laut Protokoll von einer Notlösung in einer höchst bedrängten Lage. Dies wird wohl genügt haben, die Stadt oder ihren Schreiber letzten Endes vor dem Gerichtsverfahren zu bewahren.

Zwischen dem 4. September 1637 und dem 15. Januar 1638 hielt sich Johan Zelle viermal mit mehreren Pferden, teils für mehrere Tage, in Holzminden auf. Als ‚Abgang’ für die Fütterung der Pferde verbuchte Lampe über sechs Malter von dem im Rathaus zusammengetragenen Korn“.[17]

1638 nahm Selle den Ratskeller in Besitz. „Ein anderes Geld des Johan Zelle hatte die Bürger der Stadt Holzminden schon vor der Anleihe des Jahres 1637 in dessen Abhängigkeit geführt. Bereits 1635 hatte er dem Rat und der Bürgerschaft eine wesentlich höhere Summe geliehen: 1.000 Reichstaler. Auch dies geschah ‚ … in ihren höchsten nöhten auf ihr embsigen bitten’. Die darüber gefundenen Nachrichten sagen allerdings nichts ausdrücklich, dass dieser Kredit ebenfalls dazu diente, eine der Stadt auferlegte Kriegskontribution zu bezahlen. Wir müssen das aber vermuten. Denn worauf sich die Stadt bei diesem Kontrakt mit dem ‚Helfer in der Not’, Johan Zeller, entließ, das hatte verheerende finanzielle Folgen.

1635 stand Zelle noch im Rang eines Rittmeisters. Die diesem Rittmeister unterschriebene städtische Obligation über 1.000 Taler erlegte dem Rat folgende harte Konditionen auf. Zwei Jahre lang war das Kapitel mit sechs Prozent zu verzinsen. Die 60 Reichstaler jährliche Zinsen würde der ‚bestätigte’ Kellerwirt – der Inhaber des Rathauskellers auf dem Markt – aus seinen Überschüssen erlegen. Das sonstige Einkommen aus dem Ratskeller würde jedoch dem Rat verbleiben. […] Nach zwei Jahren war das Kapital zurückzuzahlen. Falls das aber nicht geschehen sollte: Dann wäre der Ratskeller mit allem Nutzen daraus in die Hände des Johan Zelle zu übergeben. Der Rat hatte mit diesem Vertrag das Tafelsilber der Stadt aufs Spiel gesetzt. Das Gemeinwesen hatte offenbar nichts anderes, nichts Vergleichbares mehr als Sicherheit zu bieten. Der Kellerkrug allerdings florierte, und zwar vermutlich nicht trotz, sondern eher wegen des Krieges. Durchziehende Soldaten, vor allem Offiziere, verfügten über genügend Geld, um nicht nur Bier und Broyhan, sondern auch Wein in großen Mengen zu konsumieren.

Von der vielleicht einzigen – noch – ergiebigen Geldquelle des Rates zeugt jenes rare Dokument, das, aus der Kriegszeit stammend, im Besitz des Stadtarchivs überliefert ist: eine Ausgabenrechnung des Kellerwirts für genau die nun kommenden beiden Jahre 1636 und 1637. Was hat der Kellerwirt nicht alles für den Magistrat ausgelegt ! Seine Einnahmen bilden die Portokasse und mehr als die Portokasse der Stadtoberen. Braunschweigische Wachsoldaten, angereiste fürstliche Beamte, Offiziere fremder Truppen, der nach Höxter[18] abgehende Leutnant, der Orgelmacher, die ankommenden und abgehenden Boten, die Ratsherren – aus ganz verschiedenen Gründen wurden sie mit trinken versorgt, und die Kosten dieser Trinkerei, das Botengeld und so weiter trug die Bargeldkasse des Kellerwirts.

Vermutlich hängt die Führung und wohl auch die bessere Aufbewahrung gerade dieses ‚Leistungsverzeichnisses’ des Kellerwirts mit dem zusammen, was nun geschieht: die Stadt kann im Herbst 1637 die geliehenen 1.000 Reichstaler nicht zurückzahlen. Hat der Magistrat zwei Jahre zuvor geglaubt, daß die Zeiten sich bessern würden, die Auspressung des Landes nachließe ? Dann hat er sich jedenfalls getäuscht.

Im November 1637 fordert und erlangt Johan Zelle die vollkommene Verfügung über den Ratskellerkrug. Er wird deshalb nicht Bürger der Stadt, sondern bleibt, wie wir schon gesehen haben, in Hameln. Den aktuellen Kellerwirt, das ist Jacob Voigt (auch ‚Voges’), übernimmt er zunächst für ein halbes Jahr, wahrscheinlich aber bis 1641. Für das erste Halbjahr rechnet Voigt ihm gegenüber 120 Taler Überschuß ab. Das ist in den sechs Monaten das Dopppelte der Jahreszinsen. Für ein komplettes Jahr (1638/39) liefert er 230 Taler Kellerzins ab. Allein diese Summe in den Händen hätte den oben dargestellten zweiten Zelle-Kredit von 200 Talern unnötig gemacht.

Im Jahre 1645 spitzt sich die Frage um den Ratskeller zu, weil Zelle sein Kapital einfordert. Zu dem Zeitpunkt wird der Rat der Justizkanzlei vorrechnen, dass Zelle sich in sieben Jahren mit 750 (bis 870) Talern Gewinn aus dem städtischen Krug ‚bezahlt gemacht’ habe. In diesen Zeitraum fällt auch noch der Brand der Stadt. Als Andreas Bilefeldt zu Michaelis 1641 den Krug pachtweise in die Hand bekommt, braucht er Zelle wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage im Ort ‚nur’ 100 Taler zu geben; danach ist neu zu verhandeln. Johann Zelle steht zu dieser Zeit ‚im Feldlager vor Soeßstett’ (Soest ?[19]).

Als Zelle 1645 die Stadt zu verklagen sucht, erkennt diese die Schuld zwar an. Aber zahlen kann sie auch in diesem Jahr noch nicht (,eine pur lauter ohnmuglichkeit’. Der Rat habe doch – angesichts der von Zelle erzielten Einnahmen – sein Möglichstes getan. Das hatte er wirklich, man denke nur an die 200 Taler, die den Bürgern 1637 für die Kontribution fehlten“.[20]

[1] Holzminden [LK Holzminden]; HHSD II, S. 240f.

[2] KIECKBUSCH, Von Ackerleuten, S. 238.

[3] Kelbra [Kreis Mansfeld-Südharz].

[4] Sondershausen [Kyffhäuserkreis].

[5] Schernberg [Kyffhäuserkreis].

[6] Großenehrich [Kyffhäuserkreis].

[7] HAPPE II 42 v – 43 r; mdsz.thulb.uni.jena.de.

[8] HAPPE II 44 v; mdsz.thulb.uni.jena.de.

[9] HAPPE II 45 r; mdsz.thulb.uni.jena.de.

[10] HAPPE II 46 v; mdsz.thulb.uni.jena.de.

[11] KIECKBUSCH, Von Ackerleuten, S. 238.

[12] Er stand im kaiserlichen Regiment Ludolf von Hanensee.

[13] 1 Malter = 6 Himten = 156 Liter (im Hannoverschen, bei Getreide, 186 kg).

[14] Fürstenberg [LK Holzminden]; HHSD II, S. 157.

[15] Altendorf, heute Ortsteil von Holzminden [LK Holzminden]; HHSD II, S. 240f.

[16] Hameln; HHSD II, S. 192ff.

[17] KIECKBUSCH, Von Ackerleuten, S. 247f.

[18] Höxter [LK Höxter]; HHSD III, S. 346ff.

[19] Wahrscheinlicher erscheint Sollstedt [LK Nordhausen].

[20] KIECKBUSCH, Von Ackerleuten, S. 248ff.

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