Selle [Sell, Seele], Christian

Selle [Sell, Seele], Christian; Major oder Obristleutnant [ – ] Selle, angeblich ein Ire, stand als Kapitän unter dem Kommando von Christian I. Herzog von Zweibrücken-Birkenfeld-Bischweiler in schwedischen Diensten. Er diente als Rittmeister im Regiment Sperreuter, dann als Major im Regiment Hans von Streitberg. 1638 wird er als Obristleutnant (?) geführt.[1]

Am 18.8.1632 hatte Graf Ottheinrich Fugger den schwedischen Obristen Kotizky zur Kapitulation und zum Abzug aus Landsberg[2] veranlasst. „Da Landsberg für Bayern ein strategisch wichtiger Platz war, richtete auch Graf Fugger sein Augenmerk auf die Befestigung der Stadt. Er ließ den bayerischen Ingenieur Oberstleutnant de Laviso von München kommen, damit er die Fortifikationsbauten leite. Dieser baute neue Türme, besserte die Festungsmauern aus und legte neue Schanzen an. Auch die Brücken wurden wieder hergestellt. Täglich waren bis zu 800 Mann an der Arbeit. Eine kleine bayerische Besatzung blieb in der Stadt und da Graf Fugger abberufen wurde, übernahm Generalwachtmeister von Wahl seine Stelle. Die Tagwerker beim Festungsbau mußte die Stadtkammer zahlen, überdies dem Baudirektor ein Faß Wein im Wert von 38 Gulden verehren und dem Obersten Juritsch, welcher dem Direktor zugeteilt war, den Betrag von 50 Gulden.

Die Schweden konnten den Verlust von Landsberg nicht verschmerzen, besonders weil Graf Fugger den Lech sperren ließ und nicht gestattete, daß Lebensmittel auf dem Fluß nach Augsburg[3] gebracht würden. Daher trachteten sie, Landsberg wieder in ihren Besitz zu bekommen. Auch konnte niemand auf Landsberg verzichten, wer den Flußübergang am Lechrain beherrschen wollte.

Am 26. Oktober 1632 kam folglich der schwedische General Pfalzgraf Christian von Birkenfeld vor der Stadt an und forderte sie zur Übergabe auf. Die Besatzung unter dem Kommando des Obristen Juritsch leistete tapferen Widerstand, übergab jedoch auf inständiges Bitten der Bürger, welche bei längerem Widerstand Angst hatten, alle Grausamkeiten vom Feind auszustehen, die Stadt unter vorteilhaften Bedingungen an die Schweden. Diese hielten aber, sobald sie von Landsberg Besitz genommen hatten, die ausgehandelten Bedingungen nicht ein. Sie machten es weit ärger als zuvor und verdoppelten alle Gewalttätigkeiten, Erpressungen und andere unausstehliche Bedrängnis sowohl gegen die Bürger als gegen das ganze Landgericht.

Bei seinem Einzug in die Stadt verehrte ihm der Bürgermeister Unfried 200 Reichstaler aus der Stadtkammer. Zum Stadtkommandanten setzte Birkenfeld den Obersten Sell ein, und als dieser Anfang November abgezogen war, ließ er eine Besatzung von 40 Mann unter Major Mortaiger [Caspar Cornelius v. Mortaigne; BW] als Salva guardia zurück“.[4] Allerdings scheint Selle im Dezember noch in Landsberg gewesen zu sein: „Der schwedische Kommandant Sell in Landsberg schickte am 4. Dezember 30 Dragoner, welche den Befehl hatten, vom Markt [Dießen[5]; BW] die Kontributionen zu erheben oder eventuell Markt und Kloster niederzubrennen.

Unter diesen Dragonern war ein gewisser Johann Bauer, ein natürlicher Sohn des damaligen Mesners von Sankt Georgen. Er hatte sich mit seinem Vater entzweit, verließ die Heimat und ließ sich von den Schweden als Soldat anwerben. Jetzt nahm er Rache für das ihm vermeintlich zugefügte Unrecht, indem er mit seinen Kameraden nachts das Haus des Vaters überfiel und in Brand steckte.

Nach dieser Schandtat ritten die Dragoner morgens um 4 Uhr in den Markt zur Wohnung des Bürgermeisters, um bei ihm die Kontribution zu holen oder den Markt und das Kloster anzuzünden. Mit roher Gewalt drangen sie in das Haus ein und fingen mit Äxten und Säbeln an, alles zu zerschlagen und zu plündern; aber da ertönte mit einem Male die Gebetsglocke vom Kloster herab. In dem Wahn, daß durch dieses Glockengeläut Dießens Bürger zu den Waffen gerufen würden, eilten die Schweden bestürzt zu ihren Pferden und verließen Hals über Kopf den Markt, und eilten in scharfem Galopp Bierdorf[6] zu und von da nach Landsberg“.[7]

Der schottische Kriegsteilnehmer Robert Monro erinnert sich: „Pfalzgraf Christian war von S. M. eingesetzt worden, die Armee in Bayern zu führen. Nachdem er in Rain am Lech[8] vier Kompanien Schweden unter Oberst Werbran zurückgelassen hatte, brach er mit der Armee nach Aichach[9] auf, und als er die Stadt durch Akkord eingenommen hatte, setzte er seinen Marsch nach Landsberg am Lech fort. Wir näherten uns der Stadt bis auf eine halbe Meile[10] und schlugen für eine Nacht ein Lager, bis die Vorbereitungen bezüglich der Lebensmittel und der Ausrüstung getroffen waren, die wir zu einer Belagerung benötigten. Als das getan war, marschierten wir am nächsten Tag in Schlachtordnung auf die Stadt zu. Wir stellten uns in Kanonenschußweite vor ihren Wällen in den sichersten Abschnitten auf, und während sie mit Kanonen unter uns hineinfeuerten, teilten wir unser Fußvolk in Brigaden auf und schickten diese in die jeweiligen Stellungen. Die Reiterei wurde ebenfalls aufgeteilt. Einige Reiter wurden abkommandiert (II, 171), das Gelände auf der Seite zu erkunden, wo der Feind herkommen könnte, andere erhielten den Auftrag, neben der Infanterie zu bleiben, damit sie bei einem Ausfall gegen Soldaten beistünden, oder gegen Entsatztruppen, falls diese zur Stadt kämen. Der Rest unserer Reiterei wurde in Quartiere eingewiesen, aber Meldereiter blieben zur Nachrichtenübermittlung zurück. Die Stadt wurde nun von allen Seiten her belagert. Wir bauten eine Brücke über den Fluß und schickten eine starke Wache zu Fuß und zu Pferd dorthin, die verhindern sollte, daß der Feind von dieser Seite Nachschub bekäme oder dort entweichen könnte. Zugleich begannen wir die Arbeit an den Annäherungsgräben, und Befehle wurden gegeben, in aller Eile Batteriestellungen zu errichten. Sowohl die Kanonen als auch die Schanzarbeiter in den Gräben bekamen Schutzwachen, während die Obristen die Wälle vor ihren Abschnitten erkundeten. Dabei erhielt als erster Oberst Fowle einen Musketenschuß durch den Schenkel. Er wurde sofort zur Behandlung nach Augsburg gebracht. Noch vor der Nacht schickten wir eine zweite Reiterabteilung zur Erkundung los, damit nicht ein Mißgeschick über die erste käme, aber auch damit wir nicht vom Feind überrascht würden, der bei München in großer Stärke zusammengekommen war.

Spences Regiment und meines wurden beauftragt, sich für den General bei seinem Quartier zur Verfügung zu halten, mein Oberstleutnant befehligte die Wachen bei den Batteriestellungen und den Gräben in unserem Abschnitt, und Generalmajor Ruthvens Brigade hatte den nächsten Abschnitt nahe beim Fluß inne. Unter den Offizieren der beiden Brigaden entstand nun ein Tüchtigkeitswettstreit, wer zuerst mit seinen Annäherungsgräben den Wall erreiche, aber die Leute von Ruthvens Brigade mußten uns trotz ihres Fleißes den Vortritt lassen, da wir eben ältere Burschen waren als sie, denn in der Tat waren wir, was die Disziplin anging, ihre Lehrmeister, und es blieb ihnen nichts anderes übrig, als das anzuerkennen.

Dieser Wettstreit unter uns förderte den Sieg, so daß vor dem nächsten Morgen unsere Batterie, in der Sinclair das Kommando führte, eine Bresche in eine außerhalb der Stadt liegende Schanze schoß. Im Abschnitt des Generalmajors wurden zwei feindliche Offiziere auf dem Wall getötet und die Geschütze aus den Bettungen gerissen, dazu schoß man eine große Bresche in den Wall. Als der Feind sah, daß er zwei große Breschen zu verteidigen hatte, rührte er die Trommel und wünschte zu verhandeln. Das wurde ihm gewährt, der Akkord kam voran, und den Feinden wurde es erlaubt, ohne Waffen herauszumarschieren, denn der General hatte Nachricht, daß eine feindliche Armee käme, sie zu befreien. So war er froh, daß er ihnen diese Bedingungen gewähren konnte, bevor er vom Feind, der zu ihrer Hilfe schon nahe herangekommen war, gezwungen würde, die Belagerung der Stadt aufzuheben. Als der Feind herausmarschiert und mit einem Geleit weggebracht worden war, schickte der General den Generalmajor Ruthven mit einer starken Abteilung Infanterie in die Stadt, damit er alle Stellen besetze und dann auf die Vorräte und Waren aufpasse, die sich in der Stadt befanden, Getreide, Wein, Geschütze, Munition, Pferde und andere Waren aller Art, die sie zu ihrem Vergnügen gebrauchen konnten. Als das getan war, wurde die Infanterie in ihre früheren Quartiere zurückgeschickt, um sich dort auszuruhen, bis weitere Befehle erteilt würden (II, 172).

Die Reiterei schickte man ebenfalls in die Quartiere in der Stadt, ebenso für die Obersten der Reiterei und der Infanterie für die Zeit, in der der General sich voraussichtlich dort vergnügte. Verschiedene unserer Infanteristen, die in den Batteriestellungen und Gräben verwundet worden waren, erhielten Quartiere in der Stadt, und es wurde ihnen erlaubt, Chirurgen beizuziehen, die sie kurieren sollten. Die Stadt wurde sofort wieder mit vier Kompanien aus Oberst Hugh Hamiltons Regiment besetzt, neu ausgehobenen Leuten aus der Schweiz, die sein Major, ein Ire (wahrscheinlich Christian Selle; BW], kommandierte. Ein anderer deutscher Major namens Montagne [Mortaigne; BW] wurde eingesetzt, die Garnison zu befehligen. Diejenigen, die zuerst in die Stadt hineinkamen, machten gute Beute an Pferden und an anderen Waren. Aber das meiste wurde von den Generalspersonen beschlagnahmt, die den Gewinn an sich rafften, obwohl sie keine Mühen dafür ertragen hatten. Zum erstenmal vermißten wir dabei unseren früheren Führer, den unbesiegbaren Gustav, der bei solchen Gelegenheiten nicht nur die Verdienste der Kavaliere anerkannte, sondern auch bereit war, sie durch seine Geschenke zu belohnen und ihnen Gnadengeschenke gewährte, so wie er es gegenüber Generalleutnant Gunne getan hatte“.[11]

Bei der Wiedereinnahme Landsbergs durch Truppen Aldringens am 27.12.1632 geriet Selle in Gefangenschaft. Ott Heinrich Fugger hatte am 18.12.1632 erneut und vergeblich versucht, Landsberg, das noch vor kurzem seiner Pflege anvertraut war, zu belagern und zu erobern. „Graf Fugger konnte die Schmach eines ergebnislosen Abzuges nicht verwinden. Er drang in General Aldringer der noch in der Oberpfalz stand, die Stadt zu befreien. Nachdem dieser endlich Weisung erhalten hatte, Landsberg anzugreifen, wurde Kriegsrat gehalten, an dem Aldringer, Fugger mit Graf [Ernesto; BW] Montecuccoli und den Obersten

Ruepp, Starzhausen und Offa [Ossa !, BW] teilnahmen. Man beschloß, am nächsten Tag »gegen Landsberg zu marschieren und zu sehen, ob man in passando denselben Ort occupieren könne, wo nicht, und wenn der Feind denselben mit Macht würde behaupten und succiren [succurieren !] wollen, daß man daselbst nicht aufhalten sondern weiter hinaufgehen und sehen wolle, einen Paß über den Lech zu haben und sich deren in Schwaben vorhanden Städtleins zur Erleichterung Bayerns und Unterbringung des Volkes zu bemächtigen«. Sodann brach die kaiserlich-bayerische Armee am 27. Dezember von Weilheim[12] und Schongau[13] her auf und baute bei Apfeldorf[14] einen Steg über den Lech für das Fußvolk, während Reiterei und Geschütze durch eine Furt über den reißenden Fluß gingen.

Das Hauptquartier wurde in Leeder[15] eingerichtet. Von Leeder aus wurde in aller Frühe unbemerkt vor Landsberg aufmarschiert, wobei Musketiere und Dragoner sich vor den Pallisaden postierten, nachdem man sich der Lechbrücken bemächtigt hatte, die nicht zerstört waren.. Dies sah Aldringer als guten Grund an, die Stadt wiederum von der schwäbischen Seite her anzugreifen. Nachdem sich Mannschaften am jenseitigen Ufer festgesetzt hatten, wurden vier halbe Kartaunen und vier »Schlangen« über den Lech in den Gärten in Stellung gebracht. Nachdem, um eine Bresche zu schießen, die Mauern bei den »Wehren« einige Stunden heftig befeuert worden waren, wurden zur Kapitulation aufgefordert. Doch der schwedische Stadtkommandant Hamilton, der erst tags zuvor dazu ernannt worden war, wollte davon nichts wissen und suchte die Soldaten zu weiterer Ausdauer anzuspornen. Allein die Bürger baten um Frieden.

Nach heftigem Hin- und Herreden und nachdem die Belagerung zum Sturm bereitstanden, übergab Hamilton noch an diesem 28. Dezember abends um 5 Uhr die Stadt auf Gnade und Ungnade mit ihrer Besatzung von neun Kompanien zu Fuß und einer Kompanie Dragoner. Erbeutet wurden unter anderem 4 Falkonen, 200 Musketen und 11 Zentner Pulver.

Oberst Hamilton samt seinen Offizieren wurde erst im Schloß gefangengehalten, dann wurden er und Major Mortaigner [Mortaigne; BW] nach Burghausen,[16] die übrigen Offiziere als Kriegsgefangene in die Festung Ingolstadt[17] verbracht. Die einfachen Soldaten wurden die bayerischen Regimenter »gestoßen« (in diese eingereiht). Vor ihrer Übergabe wollten die Schweden noch das Schloß, unter denen sie Pulverminen gelegt hatten, in die Luft zu sprengen; man kam ihnen aber zuvor“.[18]

„Weitere Verwicklungen veranlaßten die zu München internierten schwedischen Gefangenen. [Hans Wolf von; BW] Salis hatte schon bald nach Antritt seines neuen Postens auf die Nachteile dieser Internierung hingewiesen. Diese Gefangenen, auch die Offiziere, schrieb er (20. November 1632) an den Kurfürsten, seien von ‚wenig Nutzen‘; auch könne man sie ’so ganz und gar doch nit Hungers sterben lassen‘; aber niemand wolle sich dazu verstehen, ihnen Unterhalt zu reichen. Er fragt deshalb an, ob es nicht besser wäre, behufs Auswechselung der Gefangenen einen Trompeter an den Kommandanten von Augsburg abzuordnen. (Akt. Tom. 205, Fol. 29.)

Dieser Vorschlag wurde indes nicht akzeptiert. Am 31. Dezember sandte Salis eine ‚Designation‘ der zu Landsberg neuerdings gefangenen schwedischen Offiziere, unter welchen Oberst Hamilton und Major Mortaigni die vornehmsten waren. Da dieselben ebenfalls nach München überführt werden sollten, machte Salis darauf aufmerksam, daß die Münchner-Garnison dermalen ‚ziemlich schwach‘ sei, mit der man kaum ‚die blossen Wachten der Pforten‘ und ‚nothwendigsten Posten‘ versehen könne, weshalb die Gefangenen hier ‚gar schlecht in acht genommen‘ und andernwärts ohne Zweifel ’sicherer untergebracht und beobachtet‘ würden. Er bittet deshalb um Anweisung, wie es mit den Gefangenen, auch mit ihrem Unterhalt und ihrer ‚Bagage‘ gehalten und was den Offizieren an Dienerschaft gelassen werden solle. (Akt. Tom. 205, Fol. 65)

In seiner Antwort vom 3. Januar (1633) befiehlt der Kurfürst, Oberst Hamilton und Major Mortaigni sollen unter genügender Bedeckung nach Burghausen überführt und dort in sichern Gewahrsam, die übrigen Offiziere wie Hauptleute, Leutnants und Fähnriche nach Ingolstadt verbracht werden. (Ibid. Fol. 64)

Am 10. Januar (1631[19]) erfolgt sodann folgende strenge Rüge: ‚Wir vernemmen mit hohem Befremden, welcher gestalt die zu Landsperg gefangene Schwedische offiziere bißhero zu München in der Statt öffentlich hin: und widergangen, sich lustig erzaiget, ohne Scheich (Scheu) geferliche Droworth ausgestossen und bey dir selbst zu Gast gewest. Wann uns aber zu sonderm mißfallen geraicht, daß du ermelte gefangene nit in besserer Verwahrung: (sie auch) noch darzu selbst zu gast gehalten mit mit Ihnen freundschafft gemacht (hast), Alß wollen wür Dir’s hiemit ernstlich verwiesen haben‘. Wofern sich in der anzustellenden ‚Inquisition‘ ergebe, daß unter den noch zu München verbliebenen ‚gemeinen officiren‘ einer oder der andere solche Drohungen verlauten lasse, so sollen solche ‚in einer Thurmgefänckhnuß als etwa in dem Teschenthurm verwahrt, die ybrigen aber enge und vor aussreissen sicher gehalten werden‘. In einem eigenhändigen Zusatz droht der Kurfürst noch: ‚denn sollte durch diese zu viil gebne libertät einer oder der Andere ausreißen, (so hatten wür solches bey deinem Khopf billich zu suchen‘ „.[20]

„Ein anderer, Capitain Christian Selle, der ebenfalls nach München ‚in gefenklichen Arrrest‘ eingeliefert worden war, kann es nicht unterlassen, den Obersten Salis, ‚als dero Soldaten getreuen Herrn und Vattern‘, unterm selben Datum [6.1.1633; BW] ‚underthänig Supplicirent anzuesuchen‘, ihm ‚auf eine unbestimmte Zeit‘ die ‚parola‘ zu erteilen, damit er seine übrigen ‚Cammerathen (Kameraden) durch gebürende ordentliche Mitl ledig machen‘ könne. Selle erbietet sich, ‚bei verliehrung‘ aller seiner ‚ehren- und redlichkeiten‘, ja so lieb ihm ‚Leib: und Leben‘ und seine ‚Chavaliers‘-Ehre sei, für diese Zeit einen seiner ‚person und reputation‘ entsprechenden Bürgern zu stellen. (Akt. Tom. 205 Fol. 70, 74) Salis sendet diese beiden Gesuche dem Kurfürsten zu, dessen Antwort indessen nicht vorliegt“.[21]

„In der Festung Wülzburg,[22] die sich nach wie vor in bayerischer Hand befand, war am 21. Oktober 1634 im Quartier des Kommandanten ein Feuer ausgebrochen, das schnell um sich griff und die gesamte Innenburg in die Asche legte. Nur der Pulverturm und die Tore konnten mit Mühe gerettet werden (Die Burg wurde erst 1659 wieder aufgebaut). Dieses wäre nun für die im nahen Weißenburg[23] liegende schwedische Garnison eine Gelegenheit gewesen, sich der Festung zu bemächtigen. Allerdings befand sich die Stadt, die nach wie vor von der ligistischen Armee blockiert wurde, in einem derart desolaten Zustand, ‚daß man auch Hund, Katzen etc. aufgesucht und verzehrt‘ (Doederlein, 84), und deshalb an eine solche Aktion überhaupt nicht zu denken war. Der Oberst des dort liegenden ehemaligen Sperreuter’schen Regiments, Hans Streitberger, war am 6. September verstorben und das Kommando, da kein Oberstleutnant vorhanden war, an den Major Christian Selle (ehemaliger Kapitän unter Sperreuter – s. Soden II, S. 298) gefallen. Aufgrund der nach wie vor andauernden Blockade war die Versorgungssituation in der Stadt katastrophal. Selle konnte jedem Soldaten täglich nur ein Pfund Brot zuteilen, und, als dieses nicht mehr reichte, hat er ‚nur noch kleyenbrot ausgetheilet, auch andere, noch elendere materi, als taubenätz [Taubenmist] zum commis vermahlen lassen, ja endtlich das gantze Regiment nur mit einem täglichen Stück [Roß-]fleisch erhalten‘. (Chemnitz II, S. 583). Selle mußte schließlich notgedrungen akkordieren. Der Auszug der schwedischen Besatzung geschah am 31. Dezember 1634 mit Sack und Pack, Fähnlein sowie Ober- und Untergewehr, wobei die Truppen schwören mußten, drei Monate nicht gegen den Kaiser zu dienen. Die drei Hauptleute Hasemann, Vollmayer und Weiß stellten sich jedoch mit ihren Kompanien beim Feind unter, so daß nur 92 Mann unter Konvoi nach Nürnberg[24] abzogen“.[25]

Im Januar 1635 warb Walter Leslie im Raum Nürnberg bei Hersbruck[26] Soldaten für die Kaiserlichen an. Aber entweder waren sie schlecht motiviert – d. h. schlecht bezahlt – oder schlecht geführt. Ein konzentrierter Angriff des schwedischen Majors Selle vernichtete den gesamten Haufen.

„Die feindlichen Heeresabteilungen lagen indes in den Winterquartieren einander oft recht nahe gegenüber. Und im Kleinkrieg wechselten feste Plätze rasch ihre Besatzungen, Überfälle auf Proviant- und Munitionskolonnen erfolgten, und der Wechsel in der Einquartierung, Kontributionsforderungen und die Streifzüge kleinerer Einheiten von beiden Seiten bestimmten den Kampf in dieser Jahreszeit. So erklärt es sich auch, daß Teile des Leslieschen Regiments auf dem Marsch nach Hersbruck bei Wendelstein[27] von schwedischen Verbänden überraschend angegriffen und ‚ruiniert‘ wurden. Der Oberstleutnant wurde getötet, dem gefangenen Obristwachtmeister Nicolas Dalledam erlaubte man auf Parole zur kaiserlichen Armee zu reiten, die anderen Offiziere, Fahnen und Knechte wurden nach Nürnberg eskortiert und dort streng bewacht. Nach anderer, glaubhafterer Version seien auf dem Musterplatz Hersbruck 400 Knechte, darunter 80 Dragoner im Auftrag Leslies von seinen Offizieren geworben und dieser Rekrutentransport dann durch den schwedischen Überfall zerschlagen, gefangen oder zerstreut worden. Sein Stellvertreter, der schottische Oberstleutnant Barry, soll mit dem Rest der Söldner ‚kümmerlich entrunnen‘ sein“.[28]

„Altdorf[29] seufzt unter der Last seiner schwedischen Garnison, die alle zehn Tage 200 Gulden an Geld und wöchentlich 574 Pfund Brot haben will. Es sei dem Städtlein unmöglich, diese Last zu ertragen. Dem schwedischen Kommandanten Seele schreibt der Nürnberger Rat, dass er die Forderungen zum Unterhalt seiner Soldaten nicht zu hoch treiben soll. Den überflüssigen Tross aber soll er, ausgenommen die Eheweiber der Soldaten, gänzlich abschaffen“.[30]

Der schwarzburg-sondershausische Hofrat Volkmar Happe erinnert sich in seiner „Thüringischen Chronik“: „Den 4. September [14.9.1635; BW] haben wir von des General Sperreuters Volcke das Breunerische [Brunecksche[31]] Regiment in Clingen[32] bekommen. Den 5. September [15.9.; BW] ist die Leibcompagnie von dem Berghauerischen Regiment in die Stadt Greußen[33] gelegt worden. Den 6. September [16.9.; BW] haben wir des Obristen Zabeltitzen Regiment zu Fuße in Wiedermuth[34] bekommen, haben also vor dismal im Ebelebischen[35] Theile alleine fünf Regimenter gehabt, als das [im Original nachträglich eingefügt] Berghauwerische, Merodische und Brunckerische zu Pferde und das Zabeltitzen und [im Original gedoppelt] Göltzen [Christoph Heinrich von der Goltz; BW] zu Fuße, ist ein sehr elender Zustandt gewesen.

Eodem die ist von dem Bergkhauwerischen Regiment Rittmeister Keulein Compagnie anhero nach Ebeleben kommen und mit Gewalt Quartier bey uns in Ebeleben haben wollen. Denen sich aber der Major Selle heftig wiedersetzet, dass ein baar Stunden gewehret, hat auch Musquetier hohlen lassen und sich mit den Reutern umb das Quartier schmeißen wollen. Entlichen aber sind die Reuter mit großem Unwillen wieder abgezogen. Darüber wir in grausamen Schrecken gewesen. Eodem die, den 6. September [16.9.; BW], ist der schwedische Generalcommissarius Siegmundt Heisener [Heusner v. Wandersleben; BW] anhero kommen und eine Nacht alhier blieben. Den 7. September [17.9.; BW] sind die Merodischen, Brunckerischen, Goltzischen, Zabeltitzischen und Berghauwerischen Regimenter hinweg nach Kelbra[36] gezogen“.[37]

In der Schlacht von Rheinfelden[38] (1638) geriet Selle möglicherweise in Gefangenschaft.[39]

[1] Vgl. Anm. 39.

[2] Landsberg a. Lech; HHSD VII, S. 385f.

[3] Augsburg; HHSD VII, S. 44ff.

[4] BUCHNER; BUCHNER, Bayern, S. 144f.

[5] Dießen a. Ammersee [LK Landsberg/Lech]; HHSD VII, S. 136f.

[6] Bierdorf, heute Ortsteil von Dießen am Ammersee [LK Landsberg/Lech].

[7] BUCHNER; BUCHNER, Bayern, S. 129.

[8] Rain am Lech [LK Donau-Ries]; HHSD VII, S. 599f.

[9] Aichach [LK Aichach-Friedberg]; HHSD VII, S. 3.

[10] 1 Meile = 7, 420 km.

[11] MAHR, Monro, S. 195f.

[12] Weilheim [LK Weilheim-Schongau]; HHSD VII, S. 797.

[13] Schongau [LK Weilheim-Schongau]; HHSD VII, S. 675f.

[14] Apfeldorf [LK Landsberg am Lech].

[15] Leeder [LK Landsberg am Lech].

[16] Burghausen [LK Altötting]; HHSD VII, S. 115.

[17] Ingolstadt; HHSD VII, S. 326ff.

[18] BUCHNER; BUCHNER, Bayern, S. 148ff.

[19] 1633

[20] SALIS-SOGLIO, Hans Wolf von, S. 31.

[21] SALIS-SOGLIO, Hans Wolf von, S. 32.

[22] Wülzburg [Stadt Weißenburg i. Bayern]; HHSD VII, S. 835f.

[23] Weißenburg i. Bayern [LK Weißenburg-Gunzenhausen]; HHSD VII, S. 799ff.

[24] Nürnberg; HHSD VII, S. 530ff.

[25] ENGERISSER, Von Kronach, S. 376f.

[26] Hersbruck [LK Nürnberger Land]; HHSD VII, S. 289ff.

[27] Wendelstein [LK Roth]; HHSD VII, S. 807.

[28] SODEN, Gustav Adolph Bd. 3, S. 103.

[29] Altdorf bei Nürnberg [LK Nürnberger Land]; HHSD VII, S. 8.

[30] KÄPPEL, Nürnberger Land, S. 81.

[31] N. Brunnecker, 1633 angeblich noch hessen-kasselischer Obrist der Kavallerie, stand als Obrist der Kavallerie in schwed. Diensten und war 1633 in Salzuflen einquartiert. Er führte dreihundert deutsche Söldner in der Royal-Armee, „ein minderwertiges deutsch-schwedisches Söldner-Regiment“.

[32] Clingen [Kyffhäuserkreis]; HHSD IX, S. 69f.

[33] Greußen [Kyffhäuserkreis].

[34] Wiedermuth [Kyffhäuserkreis].

[35] Ebeleben [Kyffhäuserkreis]; HHSD IX, S. 84f.

[36] Kelbra [Kreis Mansfeld-Südharz]; HHSD XI, S. 236f.

[37] HAPPE I 417 r – 418v; mdsz.thulb.uni-jena.de.

[38] Rheinfelden (Baden) [LK Lörrach]; HHSD VI, S. 659.

[39] KODRITZKI, Seitenwechsel, S. 187 (hier als Oberstleutnant Baron de Celli (Celles), Zelle geführt). Es könnte sich aber auch um Johann Selle [Zella] gehandelt haben, der als Obristwachtmeister unter Ludolf von Hanensee 1636 von HAPPE in seiner „Thüringischen Chronik“ II, 43 r, 46 v, erwähnt wird.

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