Colloredo-Waldsee, Hieronymus [Geronimo] Graf von

Colloredo-Waldsee, Hieronymus [Geronimo] Graf von; Feldmarschallleutnant [um 1570 oder 1582 – Juli 1638 bei St. Omer] Colloredo, der Bruder Rudolfs Graf Colloredo, stand als Feldmarschallleutnant in kaiserlichen Diensten.[1]

In einer anonymen Mitteilung an Tilly[2] 1629 hieß es, der kaiserliche Obrist Hieronymus Colloredo, den der Graf Jost Maximilian von Gronsfeld, der Stellvertreter Pappenheims[3] im Weserbereich, ohnehin nicht ausstehen konnte, habe dem Drosten von Vlotho[4] gesagt, als gute Beute seien ihm die „Pfaffengüter“ besonders empfohlen worden,[5] wohl wissend, welche Missstimmung derartige Mitteilungen am kaiserlichen Hof hervorrufen würden. An diesem Tag, an dem Tilly anonym informiert wurde, hatten Domkapitel, Erbmarschall und Stadt Paderborn[6] schriftlich festgehalten, dass sie Geld beim bischöflichen Stadtrichter aufnehmen mussten, um Colloredo Kleinodien im Wert von 1.200 Rt. zur Verhinderung der Einlagerung seiner Truppen zu verehren.[7]

Der Erzgebirgschronist Christian Lehmann [11.11.1611 – 11.12.1688][8] schreibt für das Jahr 1634: „Der keyßerliche General Graf Colloredo ließ noch einen streif ins landt thun uber Presnitz[9] und Frauenstein[10] Durch den Obristen Abraham Schönnickel, von Chemnitz[11] gebürtig, der den 18. October frühe umb 8 Uhr vor Freyberg[12] kommen mit 1 Regiement zue fuß, 1 Regiement Curißirer und 2 Regiementer meist Trajoner, deme ie mehr und mehr Volck auß Böhmen gefolget, Die Stat feindtseelig und güttlich uffgefordert, das Hospital mit Pfarrhause, Rathsscheunen, Gießhause, ezlichen Vorwercken und 44 heußern in der Vorstatt abgebrandt, das darvon die Stadt selber in großer gefahr gestanden. Weil sie sich aber tapfer gewehret und nichts den kraut und loth gewilliget, ist er des tages nachts umb 10 uhr in der eil aufgebrochen und darvon gezogen. Der Churfürst zue Sachsen schickte den 26. October der Statt 1 Compagnie Reuter untter den Rit-Meister Hans Georg Löwen und 4 Compagnien Trajoner unter dem Obristen Unger zum Succurs zue; von den Trajonern ist also balt eine starcke parthie auf Recognition außgeritten, die zue Lauterbach[13] bey Marienberg[14] 40 Pferde von keyßerlichen angedroffen, chargirt und den rest gefangen genommen. Der Rit-Meister darvon ist zue Fuß, ohne Pferd und stifel kümmerlich nach Marienberg kommen“.[15]

Lehmann berichtet weiter zu 1634: „Der Reitzenhainer Paß[16] wahr ins dritte jahr zue und verhauen gewesen, den ließe der General und Obrist-Wach-Meister Johann de Bec [Beck; BW] den 21. October des Nachts uffhauen, eine schantze dran bauen und sie starck besezen, dardurch oft von kayßerlichen 2, 3 biß 10 Regiementer auß Böhmen in Meißen[17] gangen, alles in die Contribution gesezt und darneben mächtigen schaden gethan. Dahin solte geben Marienberg, die vorhin untter ihrer Contribution wahr, 20.000 Pfd. brod, weils aber nit muglich wahr, den die armen burger hatten selbst weder gedreit, mehl, mehlwasser noch brod, und der Rath darfür bate, Nahmen Sie den 31. October 170 thl. Contribution, von dem Rath zum Annenberg[18] uff die Schantze 2 faß bier, 400 pfd. brod, Den 10. November dohin wieder 1 faß bier, 200 pfd. Brod und vor den General Colloredo 2 Eimer Wein, item den Croaten Obristen Johann Tischlern dohin den 12. November 1 faß bier, 400 pfd. brod, den 13. November 160 thl. contribution auf die Schantze, und wahr des streifens und raubens auß der Schantze in gebirg weder Maß noch Weise“.[19] […] „Den 31. October musste Marienberg die 170 thl. den Obristen Schuzen [Schütz v. Schützky; BW] versprochen an gelt, hering und stockfischen liefern. Weil die Chur-Sächsischen[20] Regiementer in der Zschopa[21] denen keyßerlichen so auf den halß und viel Volck zernichteten, trachteten die keyßerlichen Generalspersonen drauf, wie Sie denen Chur-Sächsischen einfallen und das Nest auf einmahl reumen möchten. Deshalb ritten die 3 Generales Colloredo, Götz und Sparr selbst durch den Reitzenheiner Paß herauß uff recognition und speiseten in Marienberg, die Sie musten außlösen. Den 8. November besazten die keyßerlichen die Reitzenheiner Schantze, denen muste Marienberg Bergleute, Negel und allerhandt sachen uffn wald schicken, mit 1 Compagnie zue Fuß und begehrte ihr Capitan Gunther [Günther; BW] von der Statt Marienberg aufs regiement bier, brod und fleisch, disarmirte die burger, ließ das gewehr auf einen Wagen mit 2 Ochsen nach Satz[22] führen und behielte wagen und viehe vorgebendt, es hette ein bürger eine Musquete getragen, der wolte den Senat in Arrest nehmen in Curia“.[23]

H. Colloredo teilte Gallas[24] am 2.7.1635 aus Ochsenfurt[25] mit, seinem Marschbefehl nach Friedberg[26] werde er nachkommen, da er laut Piccolominis[27] Anweisung bei Andernach[28] den Rhein überschreiten solle; morgen werde er in Schweinfurt[29] sein, dann über Gemünden[30] ziehen.[31]

Wilhelm von Slavata schrieb am 17.10.1635 an Adam von Waldstein, dass Colloredo wegen seiner Niederlage gegen französisch-weimarische Truppen wegen schlechter Kommandoführung auf Befehl Ferdinands von Ungarn[32] ins Gefängnis geworfen worden sei, da die von ihm kommandierte kaiserliche Armee um die Hälfte stärker gewesen sei als der Gegner.[33] Der englische Söldner Sydnam Poyntz [um 1598 Reigate, Surrey – 1663 Virginia, USA] hält dazu fest: „In the meane tyme Gallas marched after the french Army who tooke their retreat towards Metz[34] in Loraine having pillaged the Duke of Sorbrucks Country with the principall Townes as Sorbruck[35] Sweybruck[36] etc. And following the french over the Moselle sent young [Hieronymus v.; BW] Colredo before hym with the Van-gard of 6000 light horse, who meeting with a Troope of french of 200 or thereabout, put them most to the sword, but the principall Officers Kept Prisoners, so going forward marched throrough a Wood, hee saw a party of 2000 french horse which was vpon a Hill with a small Brooke at the foote but upon the other sider of the Hill lay the frenche with his whole Army, Colredo advanced to these 2000 over the Brooke with all his 6000 men, but sent two great Troops to encounter with them und hee marching upon the right hand got to the Top of the Hill, where hee saw the whole Army advancing up the Hill towards hym, but hee slew like a brave soldier most of the 2000 before the rest could come up the Hill. But Colredo thing to make a retreat in good order com̃aunded 2 Coronells with 3000 men wo were Binder, Long [Lang; BW] & Peter Gets [Götz; BW] to hold them in play till hee got over the Brooke und that hee would second them in like case, but his owne soldiers beeing discouraged with that retreat, and the french Army comming on them all fled, and the Ennemy had slaughter of them 6 English Miles. Coronell Lang was slayne, Coronell Binder and Gets ware taken Prisoners. But Colredo got away with some 3 or 400 men and came to Gallas who had a great great check and was clapt in Prison”.[37]

H. Colloredo begleitete Gallas auf dessen Zug nach Burgund, wurde am 17.3.1636 bei Raon[38] und Baccarat[39] geschlagen und nach Bois de Vincennes[40] abgeführt.[41] Der Pfarrer Johannes Plebanus [1581-1649][42] erzählt für 1636, „daß am 30. März drei Kaiserliche Regimenter durch Frankfurt[43] gezogen seien, welche von den Franzosen geschlagen worden sein sollten; ‚haben an allen Orten’, sagt er, ‚ohne Unterschied nicht kaiserlich, sondern tyrannisch und barbarisch mit Brennen, Rauben, Plündern, Niederschießen und Würgen der armen Landleute gehandelt. Es soll in dieser Schlacht Coloredo gefangen und alles von den Kaiserlichen sein im Stich gelassen worden’. Eine ganz richtige Nachricht. Es war nämlich der jüngere Coloredo, der Basel und Bruntrut[44] mit 4000 Mann verließ, um mit zusammengerafften Schaaren sich jenseits der Mosel mit den Spaniern zu vereinigen, aber bei Raon und Baccarat wurde er am 18. März von den Franzosen ereilt, aufgerieben und er selbst gefangen nach Bois de Vincennes geführt. Die Überreste, welche in Frankfurt ankamen, zogen sich entweder nach dem Belagerungscorps von Lamboy bei Hanau,[45] oder wollten auf eine andere Weise ihre Vereinigung mit den Spaniern bewerkstelligen“.[46]

Wilhelm von Slavata teilte aber am 26.4.1636 Adam von Waldstein mit: Der junge Graf [Hieronymus v.] Colloredo befinde sich bei Karl IV. in der kaiserlichen Armee, sei demnach nicht in Gefangenschaft geraten.[47] Am 12. und 14.8. schrieb Piccolomini aus Damery[48] an Marschall Brézé: Er wolle den in Gefangenschaft geratenen Soldaten die gleiche Fürsorge wie den eigenen angedeihen lassen, wie es ihrem Rang und Stammeseigenschaften entspräche. Auch sei er bereit, sämtliche Gefangene – und er habe nicht wenige – ohne Ranzion freizulassen und Brézé möge das Gleiche tun. Der gefangen genommene Graf Colloredo möge so behandelt werden, dass er, P., sich daran ein Beispiel nehmen könne, wie er selbst mit den gefangenen französischen Offizieren umgehen solle.[49]

Hieronymus von Colloredo starb im Juli 1638 als Feldmarschallleutnant an den Folgen eines Pistolenschusses, den er beim Entsatz von St. Omer[50] erhalten hatte.

[1] Vgl. die Erwähnungen bei HARRACH, Diarien.

[2] Vgl. KAISER, Politik; JUNKELMANN, Der Du gelehrt hast; JUNKELMANN, Tilly.

[3] Vgl. STADLER, Pappenheim.

[4] Vlotho; HHSD III, S. 738f.

[5] Österreichisches Staatsarchiv Wien Reichskanzlei Kriegsakten 84/I, fol. 54 (Abschrift): Anonymus an Tilly, Minden, 1929 VII 26.

[6] Paderborn; HHSD III, 601ff.

[7] SCHÜTTE, Dreißigjähriger Krieg, S. 122.

[8] SCHMIDT-BRÜCKEN; RICHTER, Der Erzgebirgschronist Christian Lehmann.

[9] Pressnitz [Přisečnice; Kr. Chomutov (Komotau)]: Bergstadt im Erzgebirge, bis 1974 an der Stelle, wo sich heute die große Fläche der Pressnitztalsperre (vodní nádrž Přisečnice) erstreckt. Häuser, Kirchen und Schloss von Přisečnice sowie die benachbarten Dörfer Rusová (Reischdorf) und Dolina (Dörnsdorf) wurden abgerissen und an deren Stelle der Fluss Přísečnice (Pressnitz) gestaut.

[10] Frauenstein; HHSD VIII, S. 98f.

[11] Chemnitz; HHSD VIII, S. 43ff.

[12] Freiberg; HHSD VIII, S. 99ff.

[13] Lauterbach, heute Ortsteil von Marienberg [Erzgebirgskreis].

[14] Marienberg; HHSD VIII, S. 215f.

[15] LEHMANN, Kriegschronik, S. 84. Lehmann datiert nach dem alten Stil.

[16] Reitzenhain; heute Ortsteil von Marienberg [Erzgebirgskreis/Sachsen].

[17] Meißen; vgl. KÖBLER, Historisches Lexikon, S. 389f.

[18] Annaberg-Buchholz [Erzgebirgskreis]; HHSD VIII, S. 5ff.

[19] LEHMANN, Kriegschronik, S. 79f.[20] Vgl. SENNEWALD, Das kursächsische Heer .

[21] Zschopau; HHSD VIII, S. 378f.

[22] Saaz [Žatec]; HHSBöhm, S. 535ff.

[23] LEHMANN, Kriegschronik, S. 81.

[24] Vgl. REBITSCH, Matthias Gallas; KILIÁN, Johann Matthias Gallas.

[25] Ochsenfurt [LK Würzburg]; HHSD VII, S. 557.

[26] Friedberg; HHSD IV, S. 145ff.

[27] Vgl. BARKER, Piccolomini. Eine befriedigende Biographie existiert trotz des reichhaltigen Archivmaterials bis heute nicht. Hingewiesen sei auf die Arbeiten von ELSTER (=> Literaturverzeichnis).

[28] Andernach [Kr. Mayen]; HHSD V, S. 12f.

[29] Schweinfurt; HHSD VII, S. 686ff.

[30] Gemünden a. Main [LK Main-Spessart]; HHSD VII, S. 232f.

[31] BADURA; KOČÍ, Der große Kampf, Nr. 48.

[32] Vgl. HÖBELT, Ferdinand III.

[33] BADURA; KOČÍ, Der große Kampf, Nr. 121.

[34] Metz, Bistum u. Stadt [Frankreich, Dép. Moselle].

[35] Saarbrücken; HHSD V, S. 315ff.

[36] Zweibrücken; HHSD V, S. 419ff.

[37] GOODRICK, The Relation of Sydnam Poyntz, S. 119f.

[38] Raon-lès-Leau [Frankreich, Dép. Meurthe-et-Moselle].

[39] Baccarat [Frankreich, Dép. Meurthe-et-Moselle]

[40] Vincennes [Frankreich, Dép. Val-de-Marne].

[41] KELLER, Drangsale, S. 271.

[42] KRUSENSTJERN, Selbstzeugnisse, S. 183f.

[43] Frankfurt/M.; HHSD IV, S. 126ff.

[44] Pruntrut [Porrentruy; Schweiz, Kanton Bern].

[45] Hanau; HHSD IV, S. 199ff.

[46] KELLER, Drangsale, S. 270f.

[47] BADURA; KOČÍ, Der große Kampf, Nr. 218.

[48] Damery, heute Ortsteil des Kantons Roye [Frankreich, Dép. Somme].

[49] BADURA; KOČÍ, Der große Kampf, Nr. 283.

[50] Saint-Omer [Frankreich, Dép. Pas-de-Calais].

Dieser Beitrag wurde unter Miniaturen abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.