Linde [Linden], Lorenz von der; Obrist [1610 - 1671] Linde war ein aus preussisch-schwedischem Rittergeschlecht stammender Obristleutnant unter Slange, dann 1642 im Regiment des Kommandanten von Erfurt,[1] Caspar Ermes. 1644 war er Obrist, später Reichsrat und 1647 Generalmajor. Am 30.7.1647 mit den Einkünften Neuklosters (Kr. Stade) belehnt.[2] 1653 erfolgte die Erhebung zum Freiherrn, 1655 wurde er General der Infanterie, Kommandant in Elbing[3] und Statthalter aller in Preussen und Pommerellen eroberten Plätze, 1658 Feldmarschallleutnant, 1665 Feldmarschall.[4]
Der Chronist Jacob Klingsporn [1601 - 1665] aus Wernigerode[5] berichtet: „7. November (Sonntags) nach der Predigt, des Johann N. ein Söhnlein begraben ist, und wir mit der Leiche aufn Kirchhof kommen, wurde Post gebracht, daß Schwedische Völker vorhanden wären, die auch alsbald an unterschiedlichen Orten beim Westernthor[6] Leitern aufgeworfen[7] und hernach übergestiegen und das Thor aufgeschlagen. Ein starker Tropp hat im Thor die Wacht gehalten, die andern sind hereingefallen mit großer Furi,[8] haben den Kaiserlichen Obersten Wachtmeister,[9] so Quartier allhier gehabt, mit seinen Soldaten gefangen genommen, ohn was sich verstecket gehabt, ihre Pferde und Vorrath weggenommen, aber keinen niedergemacht. Sind auch in viel Häuser gefallen und haben geplündert, die Bürgerpferde mit den Soldaten weggeritten. Etliche haben ihre wiederbekommen, welche Geld gegeben, mit den meisten sind sie durchgangen. Ein E. Rath[10] hat dem Obrist Leutnant, der sie geführet, welcher wie etliche sagen, Lindau (Dörfling[11] war ausgestrichen) soll gewesen seyn, noch 100 Thaler[12] an Gelde in der Eil müssen aufbringen. Um vier Uhr sind sie weggezogen auf Heimburg,[13] da sie die Nacht gelegen und alle Pferde mitgenommen. Gegen Morgen sind sie auf Blankenburg[14] gezogen, von dannen weiter auf Quedlinburg,[15] habens an beiden Orten auch also gemacht und sollen sie zu Quedlinburg bei 300 Pferde bekommen haben“.[16]
Der Historiograph und Habsburg-Anhänger Wassenberg schreibt in seinem 1647 erneut aufgelegten „Florus“: „Ingleichen hat der Erffurdische Commendent [Caspar Ermes; BW] den 28. Aprilis [1642; BW] seinen Obristen Leutenant Lorenz von der Linden / mit 400 Musquetierern / Obrister Leutenant Balthasar Rhödinger [Balthasar; BW] / und Major Pegen [Pege; BW] / mit ihren vnterhabenden Trouppen zu Pferde / samt hundert Fewerröhren / Granaten / vnd 2. Petarden / in 900 Mann starck auff Rudolstatt[17] commandirt / vmb daselbsten die Keyserische Wolff Ramsdorff [Rudolf Georg v. Wolframsdorf; BW] vnd Kroatische Regimenter Kurissirer zu überfallen / welches ihnen auch zimlicher massen geglücket / daß sie also ohne allen widerstand daselbst angelanget / die doppelte Palissaden nidergerissen / in die Statt eingedrungen / den Obristen Ramsdorff / welcher mit den meisten Reuttern zu Pferd kommen / neben hinterlassung 50. Todten durchs Ober-Thor verfolgt / der also über die Sahl gegen Sahlfeld sich retirret / da dann die Erfurder von deß Obristen Ramsdorff gefangenen Frawen an Ketten vnd Kleinodien auff 8000. Reichsthaler wehrt / ein Leutenant ein Regiments Quartiermeister / drey Krafftische Standarden / ein paar Heerpaucken / zwo Kutschen / wie auch alle Bagage / 12 schöne Hand-Pferde / sampt 500 Reutter-Pferden / vnd köstlichen Beuten überkommen“.[18]
Im September dieses Jahres nahm von der Linde an dem vergeblichen Sturm Königsmarcks auf Naumburg[19] teil: Königsmark „war um die Mitten Septembris vor Naumburg / welche Stadt Obrister Goldacker mit ungefehr 600. Mußquetirern defendirte: Worbey abermals das Erfurtische Volck und Munition das beste thun muste / wie er dann seiner Reuterey über 1200. Pferd nicht darvor hatte / aber ein starcke Bagage, wol von 300. Wägen / und vielem Troß mit sich führte.
Den 14. Septembr. liesse er die Stadt beschiessen / und nach geschossener Bresse Sturm anlauffen. Der Obriste Goldacker hatte hinter der Bresse einen Graben auffwerffen / Pallisaden setzen / und Fußangel legen lassen / darüber Capitain Graffort vom Schloß Mansfeld[20] samt 90. Mann todt bliebe: deme der Erfurtische Obrist-Lieuten. Lorentz von der Linden im Anlauffen mit 400. Mann folgete / aber auch 116. Todte hinterliesse / deme 1. Capitain / 2. Lieutenannt / 15. Unter-Officirer / und 50. Gemeine gequetscht wurden / ein überladenes Geschütz zersprange / das übrige Volck / samt 2. Stücken wurde nach Erfurt abgeführet / worbey Goldacker über fünffzehen Mann kaum verloren hatte / und dem Königsmarck so tapfer nachzoge / dass er sich zum dritten mal setzen muste zu fechten. Doch kame der von Königsmarck mit dem Rest / den 20. Septembr. nach Erfurt / und name nechsten Tags seinen Weg nach Saalfeld“.[21]
Das „Theatrum Europaeum“ berichtet unter dem 12.5.1644 über einen dänischen Teilerfolg gegen Wrangels Truppen: „Bey Eingang deß Maij Monats / den den Dänischen die Fortun / gegen die Schwedischen / nicht vbel favorisiret. Dann als die Dänischen / am 2. 12. dieses / mit einer ziemblichen Anzahl deß Morgens bey Anbre-chung deß Tages / bey Coldingen[22] angesetzt / haben sie sich entschlossen / denen daselbst Quartierenden vier Schwedischen Regimentern / als deß General Major Wrangels / Obristen Lindens / Obristen Plettenbergs / vnd Obristen Paickels [Paykull; BW] / vnversehens einzufallen. Nun ist nicht ohn / es were dieses Orts den Schwe-dischen ein ziemblicher Schaden zugefügt worden: Im Fall diese gantze Compagny der vier benanten Regimen-ter sich völlig in Coldingen befunden befunden hätten. Dieweilen aber die meisten dieser Völcker / vnd zwar zweyhundert nach Renßburg[23] / zweyhundert nach Hadersleben[24] / etliche hundert nach der Schantz Riepen[25] / vnd andere Oerter außcommandirt gewesen / auch viel in ihren zugeschriebenen Quartieren auff Salvaquardien / vnd also nur theils Officirer / mit dem Vberrest / sich zu Hauß befunden: Als haben die Dänischen ausser was in beykommender Specification vermeldet / weiter nichts erhalten / weilen die meisten sich eylends auff das Schloß / wo selbsten die Fähnlein gewesen begeben / vnnd also vnangefochten verblieben.
Folget ein Verzeichnuß der Officirer / vnd gemeinen Soldaten / so in dem Einfall zu Coldingen gefangen / beschädiget / vnd todt geblieben. Von General Major Wrangels Regiment gefangen / 3. Leutenants / 1. Fähn-derich / 17. gemeiner Knecht. Todt / 1. Major Namens Luther / 1. Unter-Officirer / 5. Gemeine / etc. Von beschädigten aber hat sich niemand befunden.
Von deß Obristen Lindens Regiment gefangen / 1. Major genant Döring / 1. Leutenant / 2. Fähnderich / 3. Vnder-Officirer / 22. gemeine. Beschädigt / 1. Capitäin Leutenant / vnnd 4. Gemeine. Todte / Obrister Plettenberg / 1. Capitäin / 1. Leutenant / 3. Vnder-Officirer / 4. Gemeine.
Von deß Obristen Paickels Regiment gefangen / 1. Capitäin / 3. Vnter-Officirer / 6. Gemeine / etc. Beschädigt / 1. Obrist Leutenant / Namens Lindy [Lundidh; BW] / 6. gemeine. todt / 1 . Leutenant / 1. Fähnderich / vnd 5. Gemeine / etc“.[26]
[1] Erfurt; HHSD IX, S. 100ff.
[2] Pratje, Vermischte historische Sammlungen, S. 463.
[3] Elbing [Elblag, Stadtkr.]; HHSPr, S. 45ff.
[4] Backhaus, Reichsterritorium; Obolenskīĭ; Posselt, Tagebuch.
[5] Wernigerode [LK Harz]; HHSD XI, S. 493ff.
[6] Westerntorturm: vgl. www.hausgeschichte-wernigerode.de.
[7] Leitern aufgeworfen: eskaladieren (Eskalade, frz.: escalader, escalade), mittels Sturmleitern ersteigen.
[8] Furi: Raserei, (Kampf-)Wut, Ansturm, Wut, höchste Erregung.
[9] Tempus [Tempi], Franz [ - ] Obristwachtmeister in der Leibgarde Piccolominis. Er nahm an der 2. Schlacht bei Breitenfeld am 2.11.1642 teil.
[10] Ein Ehrbarer Rat.
[11] Derfflinger, Georg v. [20.3.1606 – 14.2.1695].
[12] 1 Reichstaler = 36 Mariengroschen = 24 gute Groschen je 12 Pfennige = 288 Pfennige.
[13] Heimburg [LK Harz]; HHSD XI, S. 204f.
[14] Blankenburg am Harz [LK Harz].
[15] Quedlinburg [LK Quedlinburg].
[16] NÜCHTERLEIN, Wernigerode, S. 214. Der Hg. dankt Peter Nüchterlein für die Erlaubnis zum Abdruck dieses Textteils.
[17] Rudolstadt [LK Saalfeld-Rudolstadt]; HHSD IX, S. 360ff.
[18] WASSENBERG, Florus, S. 478f.
[19] Naumburg [Kr. Naumburg]; HHSD XI, S. 341ff.
[20] Mansfeld [Kr. Mansfelder Gebirgskreis/Hettstedt]; HHSD XI, S. 316ff.
[21] THEATRUM EUROPAEUM Bd. 4, S. 836; Saalfeld [LK Saalfeld-Rudolstadt]; HHSD IX, S. 369ff.
[22] Kolding [Vejle A, Jütland]; HHSDän, S. 99ff.
[23] Rendsburg; HHSD I, S. 219ff.
[24] Hadersleben/Haderslev [Nordschleswig/Sønderjyllands A, Jütland]; HHSDän, S. 60ff.
[25] Ribe [Ribe A, Jütland]; HHSDän, S. 161ff.
[26] THEATRUM EUROPAEUM Bd. 5, S. 382f.