Kehraus [Kerauß, Kehrauß], Andreas Matthias; Obrist [ - 24.2.1636]
Der Protestant Kehraus[1] stand 1614 noch in kursächsischen Diensten, bevor er in kaiserliche trat. Er war Obristleutnant im Regiment Karl Hannibal Burggraf zu Dohna und von Wallenstein in Mecklenburg und Pommern eingesetzt.
Bei der erfolglosen Belagerung Stralsunds[2] 1628 wurde er schwer verwundet, wie aus der Hannover’schen[3] Chronik hervorgeht: „Als die Stralsundische mehr Succurs hineinbekommen, haben sie Tag und Nacht dem Wallensteinischen Lager zugesetzet, und in einem Ausfall das Tiefenbachische Regiment gantz getrennet und dem Obr. Kerauß den rechten Arm in vollem Kuraß abgeschossen. Dahero der Wallensteiner ihm vorgenommen, von dannen nicht zu weichen, bis die Eroberung erfolget“.[4]
Kehraus übernahm 1632 das Regiment des an seiner Verwundung, die er an der Alten Veste[5] bei Zirndorf erlitten hatte, verstorbenen Giovanni Battista Chiesa.[6]
Am 18.7.1632 plünderte Kehraus Neustadt a. d. Aisch.[7]
1632 wird er von dem Erzgebirgschronisten Lehmann anlässlich des Bauernkrieges im Obererzgebirge erwähnt: „Den 6. November commandirte der General Gallas 2000 Küraßirer mit 20 Standarten unter dem Obristen Kehrauß auf die bauern ins gebirg. Den 7. November ging er durch die künheit,[8] hieb 4 bauern Nieder und 3 kinder, die vor furcht in einen reissig hauffen krochen, ließ er durch anstecken verbrennen, in der Zwenitz[9] einen armen taglohner todtmarttern, der nicht wuste, wie starck die bauern wehren und wo sie legen. Den 8. November erschoßen die Crabaten in dem Dorf Zwenitz 4 Menner: Johann Pfobe, Elias Reißig, Partel Abt und Georg Richter (Kb.). Der Friederich Türck hatte die Grünheimer[10] und Elterleiner[11] zuevor aufgebotten, die 2 Päße und straßen von der Zwenitz auf Grünhein laßen verhauen und sie mit 50 Musquetirern besazt. Den 8. November, alß der Feindt ankame, wahr er selbst darbey und animirte seine leute, daß Sie eine Weile scharmizirten, welches aber wenig half, weil die Couraßirer voran ritten und leute bey sich hatten, die den Pas aufhieben. Alß nun die defensioner sich verschoßen hetten, ritte der Türck davon und ließ die armen leute an Paß und in Städtlein in stich; den meisten half Gott darvon durch hülfe des walts, Marrasts und der berge, Darüber jedoch wurden niedergemacht 2 auß der Künheide und 1 auß der Zwenitz. Der Feind drange durch, ginge auf kloster und Stedtlein Grünhein, funde es wüste, hieb in der eil 4 nieder in Stedtlein, nahme ihnen nicht die weile, daß Sie das Viehe außgelaßen und mit sich getrieben hetten, sondern legten es an unterschiedlichen orten mit feuer an, daß uber 100 stück viehe und 2 Menschen mit verbrandt, daß das feuer in einer stunde kloster, kirchen und gemeine gebeude und alle bürgerheußer mit allen Vorrath biß auf 5 kleine heußerlein aufgefreßen. Alß das gantze Stedlein lichter lohe brande, daß mann auch das Gepraßel darvon auf dem Scheibenberg[12] gehöret, bliesen ihre Trompeter, alß hetten Sie die Welt erobert. Drauf marchirten Sie zuerücke auf Zwenitz und fingen alda auch an zue tyrannisiren, wurden aber eilendts durch reitende Post von Chemnitz[13] und Scharfenstein[14] zuerück beruffen, weil ihr Volck wehre zuerück getrieben worden, darumb sie auch noch des tages in Freyberg[15] einkommen und der Stadt die 1. Post gebracht, was zue Lützen[16] vorgangen“.[17]
Kehraus nahm an der Schlacht bei Lützen teil.[18] Für seine Tapferkeit erhielt er von Wallenstein 16.000 fl.
Sein Regiment in Stärke von 1.800 Mann in 10 Kompanien[19] nahm an der Belagerung Regensburgs[20] im Sommer 1634 teil,[21] desgleichen an der Schlacht bei Nördlingen,[22] er allerdings nicht, da er sich wegen der Wallenstein’schen Verschwörung verantworten musste, wobei er allerdings freigesprochen wurde. Ab Oktober 1634 bis zum 13.2.1635 war er Kommandant in Schweinfurt.[23] Kehraus scheint auf Disziplin seiner Soldaten gehalten zu haben, denn es wird überliefert, er habe am 29.12.1634 drei Soldaten wegen Notzucht und anderer Verbrechen trotz Fürbitte hinrichten lassen.[24]
Am 15.11.1634 kamen 2 Kehrausische Regimenter mit dem großen und dem kleinen Stab unter den Hauptleuten Rab und Vetter, insgesamt etwa 320 Mann stark, nach Kitzingen[25] und blieben dort fast 12 Wochen.[26]
Der kaiserliche Chronist Khevenhiller erwähnt ihn anlässlich der Belagerung und Einnahme Sachsenhausens[27] im August 1635.[28]
„Als am 11. August 1635 neuen Stils aus Wien nicht ohne Genugtuung vermeldet wurde, daß ‚im Römischen Reich [...] nun die Kays: fast alle Plätz, ausser wenigen so noch mit Schwedischen besetzt, erobert, massen sich dann auch Franckfurt am Main,[29] Straßburg, Manheimb,[30] und andere Orth mehr mehr, mit Accordo an Ihr Kays: Mytt: lauth deß mit Churfürstl: Durchl: zu Saxen beschlossnen Friden ergeben haben’, standen den Frankfurtern bange Stunden erst noch bevor. In der Tat hatten sich die meisten Stände dem Prager Friedensabkommen angeschlossen, die Wiener Meldungen waren jedoch nach dem Gregorianischen Kalender datiert. Frankfurt mußte seine ungeliebten Besatzer zu diesem Zeitpunkt erst noch vertreiben. Die Situation in der untermainischen Reichsstadt spitzte sich zu. Vitzthum hatte in Sachsenhausen zum Ärger der Frankfurter Ratsherren ohne deren Erlaubnis schwedische Soldaten zur Verstärkung eingelassen. Laut Lersner stiegen Soldaten eines Obersts namen Rosa [Reinhold von Rosen; BW] mit Leitern über die Sachsenhäuser[31] Mauern, gelangten also heimlich in die Stadt. In der Nacht zum 1. August hätten diese dann die Türme auf der Sachsenhäuser Mainseite eingenommen und die vom Rat eingesetzten Wachen vertrieben. Eine Abordnung der Hanauer[32] Garnison sei durch das Affentor eingelassen worden, um Vitzthum beim Kampf um die Alte Brücke zu unterstützen. Am Sonntag, den 2. August 1635 begann das verheerende Gefecht zwischen der schwedischen Garnison und den Frankfurter Truppen. Zuerst erfolgte die gewaltsame Einnahme der Alten Brücke durch die Garnisonssoldaten, Frankfurt wurde überrumpelt und geplündert. Während sich die meisten Einwohner noch im morgendlichen Gottesdienst befanden[,] ließ Vitzthum ‚das Affenthor auffhawen, und 1000 Mußquetierer neben 500 Pferden einziehen.[’] Nachdem der Rat den Lärm gehört hatte, wurden eilends die Bürgerschaft und die Handwerksburschen zusammengerufen und diese ‚mit Eydt und Pflicht erinnert, gegen die Schweden sich zu wehren’. Die schwedischen Soldaten zogen sich zurück und die Frankfurter, ‚mit Doppelhacken und Mußqueten’ zur Gegenwehr gerüstet, schlugen indes ‚auff der Brücken pallisada’.
Ein im Reichsarchiv in Stockholm befindlicher Augenzeugenbericht bestätigt diese Vorfälle an jenem 2. August 1635. Es handelt sich hierbei um einen auf Französisch und mit rascher Hand abgefaßten Brief an Bernhard von Weimar, in dem jener Oberst Rosa, der eigentlich Reinholt von Rosen hieß, unmittelbar von den Frankfurter Ereignissen berichtet. Dieser Obrist war mit seinen aus Mainz[33] und Gustavsburg[34] stammenden Reitern Vitzthum zu Hilfe geeilt und unterstützte dessen Garnisonssoldaten gemeinsam mit weiteren 500 Hanauer[35] Musketieren beim Angriff auf Frankfurt. Im Verlauf des Gefechts verweigerte der Magistrat den Schweden jedoch die ‚Clefs de la Porte’ und ließ sie nicht in die Stadt. Daraufhin hatten sich die schwedischen Truppen zurückgezogen. Die Kommandanten beschlossen, Frankfurt zu stürmen und einzunehmen. Vom Rheingrafen Otto hatte der Oberst zuvor erfahren, daß Matthias Gallas mit seiner Armee anrückte. Um dem Feind den Zugang zu der Reichsstadt zu verwehren, verteilte Rosen seine eigene Kavallerie außerhalb der Stadt um die Mauer, damit diese die Zugangsstraßen sicherten. Frankfurt traf indes Vorkehrungen, um sich selbst zu verteidigen. Die Bürger hatten sich bewaffnet und mit der städtischen Garnison zusammengeschlossen. Überdies brachten sie zahlreiche Kanonen in Gefechtsstellung.
In den frühen Morgenstunden des 5. Augusts, einem Mittwoch, begann ein heftiger Kampf zwischen den städtischen Söldnern und Vitzthums Truppen. Die Frankfurter Einheiten feuerten auf die hinter Schanzkörben verborgenen schwedischen Soldaten, es kam zu Toten und Verletzten. Dennoch gelang es Vitzthums Männern, die Frankfurter Soldaten zurückzudrängen. Außerdem ließ der Garnisonskommandant noch am selben Abend die Brückenmühle anzünden, die ‚mit etliche Malter Früchte abgebrand’ ist. Durch die brennende Mühle wurden ‚beyde Städte von einander separiret, man canoniret noch immer, und sollen sie darinnen noch immer grossen Mangel an Medicamenten und anderer provision haben, und hat man ihnen alles mahlwerck genommen’.
Am 6. August baten die Stadtoberen den in der Nähe befindlichen kaiserlichen Generalleutnant Gallas um Unterstützung. Inzwischen wurde von Frankfurt aus die Schaumainpforte auf der Sachsenhäuser Seite beschossen, fast alle Fenster des Wachgebäudes gingen dabei zu Bruch. Am Abend des 7. Augusts rückten schließlich 5 000 Soldaten des Grafen Gallas unter dem Kommando des Generalwachtmeisters Wilhelm von Lamboy in Frankfurt ein. Einer Zeitungsmeldung zufolge waren ‚auff begehren des Magistrats allhier unter Commando des Obr. Wachtmeisters Lamboy und Obr. Kehrauß 13. Keyserl. Regim. uber 8000. starck und zum Succurß kommen, es wird starck uff Sachsenhausen zur Pressa geschossen, sonderlich auffs Wasserthor, und ist schon ein groß stück gefellet worden, man vernimbt es werde heut noch gestürmet werden, von dem Volck so in Gärten unter Stücken ligt’. Aber nicht nur Lamboy und sein Oberst Kehraus zogen in die Reichsstadt. Von Butzbach[36] rückten schwedische Regimenter unter Sperreuter[s] Kommando heran und Bernhard von Weimar marschierte vom Rheingau aus über Wiesbaden[37] und Mainz[38] herauf. Vitzthum ließ sich deshalb vernehmen, ‚es wolle bald widerumb einen Succurß von 12.000 Mann von Hertzog Bernhards Armee bekommen’. Diese Zeitungsmeldung scheint zum Ausdruck zu bringen, daß der Korrespondent offenbar den baldigen Fall Frankfurts befürchtete. Es drohte immerhin der Zusammenprall von rund 20 000 Soldaten.
Am 8. und 9. August erfolgte der Beschuß Sachsenhausens vom Frankfurter Mainufer aus, man hatte ‚von allen Pastheyen und Thürnen auf die Schwedischen Schantzkörbe, so sie auff die Brücke gebracht’, gefeuert. Die Ironie des Schicksals zeigte sich hierbei in der Tatsache, daß all jene Mauern und Bollwerke nun zur Verteidigung gegen die Schweden dienten, die zuvor unter ihrer Regie mühsam errichtet worden waren. Beobachter wußten zu berichten, daß ‚uber 1000. Schüsse aus Stücken’ an jenem 8. August auf Sachsenhausen abgefeuert worden waren. Gegenüber dem Fahrtor wurde eine Bresche geschlagen. Kaiserliche und Frankfurter Soldaten durchdrangen sie am 9. August und stürmten in Sachsenhausen ein. Sie gelangten bis zur Dreikönigskirche, stießen dort aber auf die gut verschanzten Schweden und wurden von diesen zurückgedrängt. Die einbrechende Nacht verhinderte einen weiteren Angriff auf die Garnisonstruppen. Im Verlauf dieses Gefechtes hatten die Schweden im übrigen auch den Brickegickel von der Brücke geschossen. Dieser goldene Hahn, das Wahrzeichen der Alten Brücke, war dabei jedoch nicht zum ersten Mal abhanden gekommen. Ein Frankfurter Zeitzeuge namens Flittner gedachte dem durch feindliche Hand Erlegten schließlich in einem ‚historisch-zoetischen’ Gedicht.
Einen Tag später beschossen kaiserliche und Frankfurter Truppen Sachsenhausen mit dreißig Kanonen, die von der Brücke bis zum Leonhardstor aufgestellt waren. An diesem Tag ließ sich Vitzthum endlich durch die Sachsenhäuser und ihren Pfarrherrn Christian Gerlach zum Nachgeben bewegen, nachdem dort 26 Häuser in Schutt und Asche gelegt worden waren. Zeitungsmeldungen zufolge hatte sich der auf diese Weise entstandene Schaden auf ‚in die drey Tonnen Goldes’ belaufen. Von ‚der unschuldigen Bürgerschafft [ist], so zu dreyen mahlen durch Pfarrer und andere fußfallende umb fernere verschonung gebeten’ worden. Auch die Soldaten auf der Frankfurter Seite waren an den Zerstörungen in Sachsenhausen beteiligt. An jenem 10. August hatten diese nicht nur einen Turm, sondern auch einige Wohnhäuser durch Beschuß in Brand gesetzt. ‚Und alleweil mit gantzen, dreyviertel und halben Carthaunen fewer hinuber geben worden, da auch das Fewer so groß worden, daß es bey 30. Häuser hinweg genommen [...]’. Angesichts dieser Angaben wird deutlich, daß die beiden Seiten nicht nur aus beweglichen Feld-[,] sondern auch aus schweren Festungsgeschützen gefeuert haben. Als Vitzthum immer noch keinerlei Bereitschaft zum Einlenken zeigte, schossen die Frankfurter sogar ‚mit halben Carthaunen auff seine Arbeiter’. Sie richteten Feldgeschütze auf die schwedischen Soldaten, die gemeinsam mit der Fußartillerie aus Hanau zur Unterstützung in die Reichsstadt gekommen waren. Man war gegen Vitzthum ‚mit eysersten Ernst verfahren, was nun daraus werden wird, weiß Gott, man spielet mit Stücken biß dato nach starck inflammen’.
Der Sachsenhäuser Prediger Christian Gerlach unterstützte nicht nur die Petition seiner ‚Schäfchen’, er war darüber hinaus auch Vitzthum behilflich, wieder Verhandlungen mit den Frankfurter Räten aufzunehmen. Der Geistliche wurde mitsamt einem Trommler auf die Frankfurter Seite geschickt, um dort die Kapitulation der Schweden voranzutreiben, die dann am Abend des 10. Augusts endlich geschlossen werden konnte. Bis zu ihrer Unterzeichnung dauerte jedoch das Feuern der kaiserlichen Truppen an. Vitzthum hatte sich offenbar bis zuletzt geweigert, mit den Frankfurtern zu verhandeln. Er akzeptierte jedoch die Vermittlung des Generalwachtmeisters Lamboy, dem der Vergleich schließlich auch gelang. Über die darauf folgende Aufgabe Vitzthums verbreiteten sich indes unterschiedliche Interpretationen. Angeblich habe der Garnisonskommandant drei weiße Fahnen hissen lassen, Meldungen in den Zeitungen nennen hierfür verschiedene Gründe. Von katholischer Seite aus behauptete man, der Generalmajor sei nicht etwa verhandlungsbereit gewesen, vielmehr habe es ihm an Munition und Proviant gemangelt. Dies wäre so gesehen einer unfreiwilligen Aufgabe gleichgekommen. Folgt man hingegen Zeitungen aus protestantischen Hochburgen, so wollte der Garnisonskommandant einen Waffenstillstand nur aus Pietät, um ‚die Todten zu begraben’.
Am Dienstag, den 11. August 1635 verließ Hans Vitzthum von Eckstädt um sieben Uhr morgens mit seinem vierköpfigen Stab die Reichsstadt Frankfurt am Main in Richtung Gustavsburg, die Besatzung durch die Schweden war beendet. Noch vor dem Garnisonskommandanten zog ein Oberstleutnant namens Bilau mit dem Hanauischen Kriegsvolk ab, dann endlich verschwand Vitzthum mit Sack und Pack, vier Feldstücken und acht fliegenden Fahnen aus Sachsenhausen. Seine einstigen Garnisonssoldaten wurden vor die Wahl gestellt, in den Dienst der Reichsstadt oder zu den kaiserlichen Truppen überzutreten. 200 Mann entschieden sich angeblich für den Verbleib in Frankfurt. Der vertriebene Generalmajor konnte seinen Weg nach Gustavsburg allerdings nicht ungehindert fortsetzen. Übergriffe wurden auf ihn verübt und sein Gefolge in Höchst von den dort befindlichen kaiserlichen Soldaten gefangen genommen. Vitzthum selbst soll angeblich nur noch mit drei Pferden und zwei Dienern an seinem Ziel angekommen sein.
- “Am 10. August [20.8.1635; BW] wurde der Oberst Joh. Geyso, der seit 12 Jahren dem Herzoge nahe stand [...], entsandt. Ein größeres Reitergeschwader scheint ihm zunächst Schutz gewährt zu haben. Noch ehe er sein Ziel erreichte, ging am 14. August von Ramsay folgende Nachricht ein: Einige Regimenter der Bönninghausenschen Armee sind gestern, den 11., dicht an Hanau vorbei auf Frankfurt marschiert. Sachsenhausen ist heute mit Accord gefallen; Vitztum mit seinen Truppen auf Mainz abgezogen. Meinem Oberstleutnant Bilaw, der mit seinen 600 Musketieren nach Hanau zurückwollte, haben die Feinde den Accord nicht gehalten; wer nicht gutwillig Dienste nehmen wollte, ist niedergeschossen”.[39] -
Die Rezeption des Frankfurter Gefechts ließ natürlich nicht lange auf sich warten. Berichte über den Verlauf der Ereignisse finden sich in den zeitgenössischen Zeitungen. Einer Meldung vom 18. August 1635 zufolge wurde nur wenige Tage nach dem Abzug des schwedischen Kommandanten der ‚Accord zwischen den Keyserl. und Schwedischen, wegen Sachsenhausen’ in Druck gegeben und das Szenarium in Kupfer gestochen. Jenen ‚innerliche[n] Krieg zu Sachsenhausen’ hatte kein Geringerer als Matthäus Merian der Ältere angefertigt, um ihn anschließend im Theatrum Europaeum zu veröffentlichen. Auf seiner detailreichen Darstellung finden sich sämtliche Ereignisse dieser zehn Tage im August zusammengefaßt. Man sieht die Palisaden und Schanzkörbe auf der Alten Brücke, stürmende Soldaten, das Eindringen der kaiserlichen Truppen durch die Bresche nahe des Ulrichsteins, die Feuerlinien der schweren Geschütze entlang der Mauer des Fischerfeldbollwercks und schließlich Vitzthums Abzug mit fliegenden Fahnen.
Nur sehr langsam beruhigte sich die Lage im Frankfurter Umland. Die Reichsstadt war noch immer von Truppen der Kriegsparteien umgeben. Lamboy und Hatzfeld standen mit kaiserlichen Truppen in der Frankfurter Landwehr, Matthias Gallas befand sich mit seinen Soldaten im Hauptlager bei Gernsheim[40] auf beiden Rheinseiten. Die Schweden und ihre französischen Hilfstruppen, geführt von Herzog Bernhard von Sachsen-Weimar und Kardinal de la Valette, hielten sich bei Hochheim[41] am Main auf und Ramsay saß mit seiner Garnison im belagerten Hanau fest. Die Truppen dürften auch noch den letzten Rest des mehrheitlich verödeten Umlandes durch ihre Ausfälle und Marschbewegungen zerstört haben. Dank der Übereinkunft mit Vitzthum war Frankfurt in diesen letzten Tagen der Besatzung nur knapp einer größeren Katastrophe entkommen.
Gleichwohl birgt das gewaltsame Ende der schwedischen Präsenz in der Reichsstadt am Main ungewollt eine jener Anekdoten, die es im Laufe der Geschichte immer wieder gegeben hat. An der Vertreibung des Garnisonskommandanten Vitzthum nach der Kapitulation war ausgerechnet ein Oberst nahmens Kehraus maßgeblich beteiligt gewesen – nomen est omen. Er war derjenige, so der den Schweden nicht eben wohlgesonnene Pfarrer Henrici, ‚der Sachsenhausen den Frankfortern einnahme und den Vitzthum rausjagte’.[42]
Der spätere Friedberger[43] Pfarrer Johannes Henrici (1592-1656) berichtet: [30. August 1635 a. St.] „Da ich von einem ehrenfesten Rath der Stadt Friedberg, nachdem beede Pfarrer daselbst peste gestorben, legitime [rechtmäßig] zum Pfarrer vociret worden, kraft Vocation-Schreiben, welches ich bekommen, als ich eben vom Fürsten von Lochowitz [Lobkowitz] zu Bornheim[44] gefangen lag, wohin mich der Quart [Salveguardist, Wach- und Schutzsoldat] zu Rendel mitnahme, weilen die Bauern ihm das Quartengeld noch schuldig und entlaufen waren, und die Hanauischen den einen Quarten des Nachts geholt mit seinem Pferde; wolt der Fürst denselben Quarten von mir wieder haben. Ich solte ihn kurzum restituiren [Ersatz leisten], welches mir unmöglich ware. Hette ich auch lang gefangen sitzen müssen, wenn nit mein Bruder Henrich zu Frankfurt beim Obersten Kehraus (der Sachsenhausen den Frankfurtern einnahme und den [schwedischen Kommandanten] Vitztum rausjagte) ein Fähndrich ausbracht hatte; welcher Oberst [Kehraus] evangelisch ware. Der Fähndrich bate mich los beim Oberst Lochowitz [ Lobkowitz ?]. Und indem ich gefangen lag 1 Tag und 1 Nacht, kommen diese litterae vocatoriae [Berufungsschreiben] mir zu, wie Josepho im Gefängnis, daß er solte vor Pharaone weissagen“.[45]
1635 stand Kehraus unter dem Befehl Wilhelms von Lamboy.
Er verstarb am 24.2.1636 in Strassburg. Sein Regiment wurde nach Elsass-Zabern[46] in Garnison gelegt.[47]
[1] WEIGEL, Album, S. 69.
[2] Stralsund [Kr. Stralsund]; HHSD XII, S. 292ff.
[3] Hannover; HHSD II, S. 197ff.
[4] JÜRGENS, Chronik, S. 473.
[5] Alte Veste [Gem. Zirndorf, LK Fürth]; HHSD VII, S. 14.
[6] KONZE, Stärke, S. 26.
[7] LEHNES, Geschichte, S. 188ff. HOLLE, Fürstenthum Bayreuth 3. Heft, S. 44; Neustadt a. d. Aisch [LK Neustadt/Aisch-Bad Windsheim]; HHSD VII, S. 512f.
[8] Kühnhaide, heute Ortsteil von Marienberg [Erzgebirgskreis].
[9] Zwönitz [Kr. Aue]; HHSD VIII, S. 385f.
[10] Grünhain [Kr. Schwarzenberg]; HHSD VIII, S. 140f.
[11] Elterlein [Kr. Annaberg]; HHSD VIII, S. 89.
[12] Scheibenberg [Kr. Annaberg]; HHSD VIII, S. 316ff.
[13] Chemnitz; HHSD VIII, S. 43ff.
[14] Scharfenstein; HHSD VIII, S. 315f., heute Ortsteil von Drebach [Erzgebirgskreis].
[15] Freiberg; HHSD VIII, S. 99ff.
[16] Lützen [Kr. Merseburg/Weißenfels]; HHSD XI, S. 286f.
[17]LEHMANN, Kriegschronik, S. 53f.
[18] BRZEZINSKI, Lützen, S. 25.
[19] ENGERISSER, Nördlingen 1634, S. 275, Anm. 76 (die umfassendste und detaillierteste Darstellung der Schlacht).
[20] Regensburg; HHSD VII, S. 605ff.
[21] ENGERISSER, Ansicht, S. 70.
[22] ENGERISSER, Nördlingen, S. 275, Anm. 76.
[23] HAHN, Chronik 3. Theil, S. 446, 452; Schweinfurt; HHSD VII, S. 686ff.
[24] HAHN, Chronik 3. Theil, S. 451.
[25] Kitzingen; HHSD VII, S. 357ff.
[26] HOCK, Kitzingen, S. 143.
[27] Sachsenhausen, unter Frankfurt, HSSD IV, S. 126ff.
[28] KHEVENHILLER, Annales Bd. 12, Sp. 1736.
[29] Frankfurt/M.; HHSD IV, S. 126ff.
[30] Mannheim; HHSD VI, S. 501ff.
[31] Sachsenhausen, heute Ortsteil von Frankfurt/M.
[32] Hanau; HHSD IV, S. 199ff.
[33] Mainz; HHSD V, S. 214ff.
[34] Gustavsburg [Gem. Ginsheim-Gustavsburg, Kr. Groß-Gerau]; HHSD IV, S. 193.
[35] Hanau; HHSD IV, S. 199ff.
[36] Butzbach [Kr. Friedberg]; HHSD IV, S. 73f.
[37] Wiesbaden; HHSD IV, S. 465ff.
[38] Mainz; HHSD V, S. 214ff.
[39] GEYSO, Beiträge III, S. 52.
[40] Gernsheim [Kr. Groß-Gerau]; HHSD IV, S. 169f.
[41] Hochheim [Main-Taunus-Kr.]; HHSD IV, S. 225f.
[42] RIECK, Frankfurt, S. 167ff.
[43] Friedberg [Wetteraukr.], HHSD IV, S. 145ff.
[44] Bornheim, heute Stadtteil von Frankfurt/M.
[45] WAAS, Chroniken, S. 234.
[46] Zabern [Saverne; Elsass, heute Frankreich, Dép. Bas-Rhin].
[47] THEATRUM EUROPAEUM Bd. 3, S. 618.